Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 21.22. Mai 1858

Berlin den 21. 5. 58.

Einen schönen guten Abend, mein süßer Schatz, ich kann nicht zu Bett gehen, ohne noch etwas mit Dir geplaudert zu haben, hab’ Dich den ganzen Tag nicht gesehen, bin aber mit meinen Gedanken gar oft bei Dir gewesen. Hast Du den Mond heute Abend angeschaut, hat er Dir gewiß Grüße von der verlaßenen Anna bestellt, er hat mir eben so freundlich zugewinkt, als ich sie ihm aufgetragen, ebenso freundlich wie gestern Abend, als ich ihm gut Wetter für heute bestellte; und er hat treulich Wort gehalten, die Sonne schien so hell beim Erwachen, daß ich innerlich aufjauchzte. Von 6 ½ – 7 Uhr stand ich auf dem Balkon, mein Taschentuch in der Hand; ich hoffte, Dich vielleicht noch im Vorübergehen zu sehen, widrigenfalls Dir noch ein Lebewohl zuzuwinken, doch daran verhinderte mich Euer Mädchen, das dem vergeßenen Mädel die Sachen brachte. Als ich zurück-||kam, verschwand der letzte Wagen vor mir am Horizont, an unserem trauten durch Berliner Sicherheitsmaßregeln so unsicher gewordenen Plätzchen vorüber, woraus der Mond so fröhlich in die Zukunft leuchtete. O, Erny, ich liebe Dich so sehr, Du hast mein ganzes, volles Vertrauen, ich fühle mich so reich in Deinem Besitz, daß ich übermüthig werden könnte und mich solch hohen Glückes nicht werth halte. O Schatz die Demuth, die schönste der weiblichen Tugenden, die mir fehlt, lerne ich durch Dich, denn ich beuge mich vor Dir, der mir wie ein heller Stern durch die finstere Nacht scheint. Ja, ich glaube, je klarer mir meine tiefe langgehegte Neigung zu Dir wird, die bis dahin schlummerte, ich wäre in Nacht versunken, hättest Du mir nicht Deine Liebe gestanden. Ach Erny, habe Geduld mit mir und meinen Fehlern; Du bringst mir so viel geistige Anregung, Wißen im Gefühls- und Verstandesleben, und ich habe nichts als ein Herz voll Liebe, die Du aber auch ganz und ungetheilt haben || sollst. Denke ich an Dich, erwachen immer gute Vorsätze in mir, so werde ich vielleicht noch ein guter Mensch, je mehr mein Herz Quartier bei Dir macht. Bis Halle habe ich Dich Station für Station verfolgt, dann verlor ich Deine Spur, auf die Dein Brief mich zurückführen soll, und warst mir doch fortwährend nahe. Ich hatte den ganzen Morgen viel im Hause zu kramen und wirthschaften, habe meinen Epheu an mein Gitter gepflanzt, das späterhin auch Dein Zimmer schmücken soll; er ist aus Heidelberg und Neckarsteinach; es war mir nicht möglich die Bilder, die er mir in der Erinnerung hervorzauberte, festzuhalten, denn Du spieltest dabei keine Rolle, die jüngsten Tage lagen dem Gedächtniß und dem Herzen näher. Siehst du, selbst solche Erinnerungen, die bisher so schön für mich waren, verscheuchst Du; ich will ja auch nur in der Gegenwart leben; nur diese acht Tage, erlaube mir, der Vergangenheit und Zukunft mich hinzugeben, denn sie ist so arm. Beim Abreiben des || Epheus brach mir dies Blättchen, ein frischer Trieb ab und [ich] schicke es Dir mit. Mein Gundermann und das andere weiße Zeug stehen vor mir und duften und erzählen mir von dem letzten Spaziergang. Heute Nachmittag war ich bei Tante Bertha, um ihr an einer Arbeit zu helfen; Frau Quincke besuchte Tante Bertha, sie war lieb und gut, mir aber dennoch nicht willkommen; sie bat mich morgen die große Parade bei ihrer Schwester mitanzusehen, allein ich muß Kuchen backen, von dem mein Schatz nicht einmal etwas abbekommt, oder doch vielleicht noch, wenn er nicht gar zu lange ausbleibt. Nachher schüttete ich der guten Tante Bertha noch einmal mein Herz so recht tüchtig aus, allein ich kann meinem Glücke kaum Worte geben, in einem Kuße kann ich Dir es viel beßer ausdrücken. Ich gebe Dir in Gedanken einen innigen zur guten Nacht, denn ich werde abbrechen müßen, weil meine müden Augen nicht mehr wollen; es ist bald 12 Uhr; da schläfst Du gewiß schon nach einem so || anstrengenden Tage, den du hoffentlich mit einer hübschen Tour in Halle’s Umgegend beschloßen hast. Deine Eltern habe ich heute Abend noch flüchtig gesehen und ihnen einen kleinen Brief an Hermine mitgegeben, die ja mein Glück durchaus Schwarz auf Weiß haben wollte. Als mir heute der Reineke Fuchs in die Hände gerieth und ich las: „Pfingsten, das Fest der Freude war gekommen“, wurde mir ganz wehmüthig ob meiner Freude, ich dachte aber gleich an Dich und freute mich, daß Du die Pfingsttage hoffentlich sehr schön in Gottes herrlicher Natur feiern würdest; hatte auch gleich für uns Beide einen Ersatz für Deine Abwesenheit in Bereithschaft, ein paar Tage in Freienwalde, wo wir ungestört und ungenirt unserem Glücke leben können. Morgen Nachmittag werde ich Bertha auf dem Bahnhof erwarten, die voller Seligkeit heute ihre Ankunft meldete. Du siehst ich kann mich nicht von Dir trennen und doch muß ich; komme ich morgen ganz früh zum Schreiben, erhältst Du Sonntag meinen Brief, sonst Dienstag. Gute Nacht, mein Schatz, noch einen Blick hinaus zum Mond und den feenhaften Seidern [Siderien], und dann Thüre und Augen geschloßen. ||

Sonnabend 22.

Ich habe herrlich nach meiner Nachtwache geschlafen, und war sehr froh, als ich schon um 5 Uhr wach wurde und aufstand. Ich habe den ganzen Morgen nicht eine Minute geseßen, ebenso wanderten meine Gedanken immer nach Halle, wo Du, Herzensschatz mit dem langweiligen Steinsack zusammen warst. Meine Kuchen scheinen zu gerathen; ich hebe Dir ein Stück auf, damit Du mich loben kannst. Ach nein, thu das lieber nicht, denn das verdirbt den Charakter und außerdem bist Du in einer Verfaßung, wo Du auch ohne Ursache loben könntest. Ich habe eben Mittag gegeßen und benutze schnell den einzig freien Moment (ich muß gleich nach dem Bahnhof, um Bertha abzuholen) dem gestrigen Geschreibsel noch einen frischen Gruß mitzugeben; ich möchte Dich gar zu gern zum Sonntag mit meinem Brief überraschen; ich darf erst Mon[ta]g auf einen hoffen. Aber nicht wahr, mein Herz, dann schreibst Du mir noch einmal, was Du noch unternimmst und wohin ich noch einmal an den Doctor Ernst schreiben darf? Heute ist es sehr || windig, desto schöner wird morgen das Wetter sein! es muß doch auch sein Festkleid anziehen; sei recht vergnügt zu dem schönen Sommerfest, grüße mir alle Bäume und Blumen, die ich vielleicht auch noch einmal zu sehen bekomme. Mein Herz jauchzt bei diesem Gedanken und doch muß ich ihn unterdrücken – die Zukunft führt mich jetzt oft in Versuchung.

In der Nationalzeitung las ich heute Morgen beim Kaffee einen sehr guten Leitartikel über Preußens große Aufgaben, wonach wirklich noch einmal etwas aus dem schlaffen Vaterland werden kann; der Schluß hat mich sehr amüsirt: „Damit eine künftige Gelegenheit andere Folgen habe, ist nur nöthig, daß Preußen wieder anfange, Politik statt Polizei zu treiben. Das unterschreiben wir Beide, nicht wahr? Mutter wachte heute mit heftigen Kopfschmerzen auf, und hat den ganzen Morgen auf dem Sopha gelegen; hoffentlich wird sie nicht krank, das wäre sonst eine Festfreude ganz besonderer Art. Sie läßt Dich herzlich grüßen. ||

Wir haben etwas Hübsches bekommen, mein Herz. Tante Bertha schenkte mir gestern aus einer früher von ihr gehaltenen Pianofortebibliothek sehr hübsche Stahlstiche von Beethoven, Mozart, Kalkbrenner, Czerny, Weber etc. mit kurzen Biographien dazu. Zum Lesen bin ich noch gar nicht gekommen, obgleich der Schleiden auf meinem Schreibtisch mir immer zuwinkt. Deine Eltern werden jetzt in Freienwalde ankommen, da wird unserer viel gedacht werden. Ach Schatzchen – wie freue ich mich, wenn Du wieder kommst; aber laß Dich darum nicht in Deiner Reise stören und genieße das Schöne rein und ungetrübt. Sonnabend und Sonntag Abend werde ich die Ohren spitzen. Hermine wird dann wohl auch bei uns sein. Noch eins, vergiß nicht Deinen Hut und packe Deine Sachen wieder hübsch ein. In Zukunft werde ich Dir wohl öfter das Ränzel schnüren müßen, und wie gern werde ich das thun. Lieber Herzens-Erny leb wohl, bleib’ recht gesund und laß Dir in Gedanken einen Kuß geben von Deiner

treuen Anna.

(ich sollte ja eigentlich keinen Namen schreiben, das habe ich vergeßen).

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-05-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34412
ID
34412