Potsdam, 14.2.19.
Lieber Onkel!
Nun hast Du die Bürde des 85. Jahres vollendet und trittst in das 86. ein. Noch weniger, als in den letzten Jahren, kann von Glückwünschen die Rede sein, die man Dir in diesem hohen Alter und in diesen elenden hoffnungslosen Zeiten wünschen könnte. Ein gütiges Schicksal ist es nur, das man bitten möchte, es gnädig mit Dir zu machen: möglichste Milderung Deiner Altersbeschwerden, damit Du Deine letzten Tage ohne Krankheit und mit wachem Geist verbringen kannst, Freude an Deiner Wissenschaft und an der Liebe Deiner Kinder und Enkel und an der treuen Gesinnung Deiner Dir verbliebenen Freunde, an der Verehrung Deiner immer mehr wachsenden Verehrer und Anhänger hast. Nicht zu vergessen die edle Malkunst, die Dir, wie ich höre, nebenbei noch zu Deines alten Leibes Nahrung verhelfen muß, was in dieser kargen Zeit nicht zu verachten ist. Endlich möchte ich Dir wünschen, daß Du Dein Haus nach Deinen Wünschen gut bestellen || und mit dem Haeckel-Museum zu Rande kommen mögest; und schließlich, daß Du Deine unschätzbaren Lebenserinnerungen doch noch zu Papier bringen mögest. – Du siehst, im Handumdrehen ist doch noch ein ganzes Bündel von Wünschen zusammen gekommen.
Von dem neuen Deutschland, dessen Wochenstube man höchst pietätlos in das ehrwürdige Weimar verlegt hat, als sollten wir mit Gewalt wieder das Volk der unpolitischen Dichter u. Denker werden, wirst Du nicht mehr viel sehen. Nur aus der Nachbarschaft hörst Du das Summen des sozialistischen selbstzufriedenen Geschwätzes, das augenblicklich die Stimmen unserer großen Dichter übertönt. Laß Dir Deinen Goethe dadurch nicht verkümmern!
So oft ich an Deinem Geburtshaus vorüber komme, freue ich mich an der Gedenktafel, die von der Stadt angebracht ist. Der Stadtrat Rumpf, der die treibende Kraft gewesen ist, wird Dir eine Photographie des Hauses schicken. Mit einem Dankschreiben || und Deinem Bilde würdest Du ihn erfreuen. Er wohnt Weißenburger Str. 17.
Von uns kann ich nicht viel sagen. Man vegetiert von einem Tag zum andern weiter und sehnt endlich den Abschluß des sog. Friedens herbei, damit dieser Hohn unserer Feinde auf jedes Völkerrecht mal endlich aufhört. Der Ekel steigt einem in die Kehle, wenn man die Zeitung aufmacht und täglich diese neuen Brutalitäten lesen muß.
In unserm Geschäftsverein habe ich vorgestern eine Übersicht über den Hohenzollernbesitz in Potsdam gegeben. Man mag über unsern unglücklichen Kaiser – der nicht normal ist – denken, wie man will, wir Potsdamer haben alle Ursache den Hohenzollern dankbar zu sein. Ohne sie wäre Potsdam eben nicht Potsdam. Und wenn die schönen Gärten nicht mehr gut gepflegt und die Schlösser vernachlässigt oder geplündert werden, dann wird das erst zu Bewußtsein kommen, daß diese jetzt so verächtlich behandelte Dynastie doch vielleicht anders zu bewerten ist, als die sog. Volksbeauftragten. Wie wachsen Friedrich der Große und selbst Wilhelm I. in seiner Bescheidenheit jetzt ins Riesen-||hafte! Und wie müssen wir uns schämen vor uns selbst!
Doch nun Schluß, lieber alter Onkel, und laß Dich trotz aller Widrigkeiten von Alter und Zeit bald von der Frühlingssonne wieder warm bescheinen. Einstweilen muß Dich der Ofen durchwärmen, wenn Du die Hunderte von Briefen liest, die Dir wieder zeigen werden, daß der Alte von Jena noch unvergessen ist und bleiben wird.
In Treue Dein
Neffe Julius.
Lieber Onkel Ernst!
In einigen kurzen Worten möchte auch ich Dir meine herzlichen Wünsche zu Deinem Geburtstage übermitteln, die sich besonders auf dauernde Gesundheit beziehen. Hoffentlich hast Du guten Appetit, sodaß Dir die beifolgenden Küchlein, die unsere Gerta backte, munden werden. Draußen in unserem Deutschland sieht es ja schrecklich aus, man ist ganz niedergeschlagen. Ein Vetter Pietzsch von mir aus Strassburg erzählte uns jetzt vieles von dem Gebahren der Franzosen in Elsaß-Lothringen. Dies schöne Land geben sie nicht wieder heraus.
Mit herzlichem Gruß Deine Nichte
Hel. H.