Potsdam, 23.12.18.
Lieber Onkel!
Einen stillen Festgenuß in Deine Einsamkeit möchten wir Dir senden. Froh ist dieses Fest schon lange nicht mehr, aber so unfrohe Weihnacht hat Deutschland noch nicht erlebt. Vielleicht kommt die Nationalversammlung nach Weimar in Deine Nähe. Vielleicht kann sie noch etwas aus dieser völligen Zertrümmerung retten.
Als kleine Freude kann ich Dir mitteilen, daß die Gedenktafel über der Tür Deines Geburtshauses angebracht ist in schöner frakturähnlicher schwarzer Schrift auf weißem Marmor mit Muscheldurchschnitten aus Deinen Kunstformen als Eckrosetten. So kommt der Prophet noch vor Toresschluß auch in seinem Vaterlande zu bescheidener Geltung.
Heute erhielt ich von Walter zwei Aufnahmen von Dir (Pfingsten 1918); in Schlapphut und mit Horst, mir liebe Erinnerungen an meinen Pfingstbesuch. ||
Georg hatte gedacht, zum Fest bei uns zu sein, worauf wir uns schon sehr freuten. Aber gestern schreibt er, daß er die Intendantur des 7. Armeekorps in Münster übernimmt und ganz dort bleibt mit hübscher Dienstwohnung. Wann er seine Frau nachkommen lassen kann, weiß er nicht.
Wir werden Marianne neben unserem Franz sehr vermissen. Sie bleibt bis 15.2. in Mannheim, muß dann dem heim gekehrten Krieger weichen. Sie feiert bei Friedels. In Ludwigshafen Marrokkaner!
Mit herzlichen Grüßen vom Hause
Dein Neffe
Julius. |
Sr. Exc.
Herrn
Professor
Dr. Ernst Haeckel
Jena
Berggasse 7.