Stettin, 25.7.16.
Lieber Onkel!
Wie Du siehst, bin ich in Stettin, wo ich bei Heinrich eine Woche gemütlich zu Besuch bin. Er hat jetzt viel zu tun und kommt nicht nach Berlin und Potsdam. So habe ich ihn mal in meinen Ferien besucht. Nachmittags gehen wir zusammen durch Wald und Feld und freuen uns der herrlichen Ernte, die wir über Sonntag auch auf dem Lande bei Freund Puttlitz in Hinterpommern genossen. Die Land-||schaft mit einem stellenweise tief eingeschnittenen Flußtal, herrlichen Waldsäumen und üppigstem Wiesenblumenflur hat uns wieder entzückt. Man glaubte, in Thüringen und nicht in Hinterpommern zu sein. Auf den Hinwege war ich in Angermünde und Schwedt, von wo aus ich zu Schiff hergefahren bin. Das Odertal im zeichen einer reichen Heuernte präsentierte sich in wechselndem Sonnenschein von der besten Seite.
Ich habe eine Bitte an Dich. Der Prophet gilt zwar nichts in || seinem Vaterlande, aber vor den Toren Deiner Vaterstadt scheint man besser zu sein. Hinter den Kirchhöfen im Walde ist mächtig gerodet worden. Die Landwirtschaftliche Hochschule soll mit ihren Versuchsfeldern dorthin verlegt werden. Den Anfang hat das zoologische und botanische Vererbungsinstitut gemacht, in dem an Kaninchen und Getreidearten (z. B. zur Züchtung einer guten Braugerste) Mendelversuche gemacht werden. Mit der Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, die Dein alter Freund Virchow gegründet hat, wohnte ich unlängst einem interessanten Demonstrationsvortrag des Leiters Prof. Dr. Baur a bei, || eines lebhaften Würtembergers, der sich seit über 10 Jahren erfolgreich mit diesen Versuchen beschäftigt. Er erzählte mir, daß in 1-2 Jahren ein Schaugarten für das Publikum fertig sein soll, in dem die gebräuchlichsten Kultur- u. Nutzpflanzen, Obstbäume u. Sträucher sowie Nutztiere in ihren Ur- und Kreuzungsformen vorgeführt werden sollenb; gewiß ein sehr verdienstliches Unternehmen! In seinem Unterrichtszimmer für die Hochschüler ziert er die Wände mit Bildern der um die Vererbungswissenschaft besonders verdienten Männer. Da läßt er Dich freundlich bitten, ihm ein Kabinetbild aus früheren Jahren mit eigenhändiger, vielleicht an Deine Geburtsstadt Potsdam erinnernde Widmung (auf der Vorderseite)c zu stiften. Wenn Du ihm seine Bitte erfüllen willst, schickst Du mir vielleicht das || Bild, das ich ihm dann selbst bringen möchte. So kommst Du wenigstens vor Deiner Geburtsstadt zu Ehren. Für die braven Potsdamer ein guter Anlaß, Dich und Deine Forschungen auch ohne die ihnen so fatale Affenverwandtschaft oder vielmehr Abstammung, wie sied sich nicht ausreden lassen, kennen zu lernen.
Bei Deinem Bild fällt mir die Vergrößerung ein, die mir Walter von einem alten Bilde schickte, das Dich und unseren Vater um das Jahr 1850 darstellt. Kannst Du uns nicht sagen, aus welchem Jahr genau es ist? Heinrich erkannte es || zuerst gar nicht. Ihr seht in dieser guten alten Zeit so stutzerhaft mit feinen Westen, großen Schlipsen und Taillen in den Röcken aus, daß wir immer wieder lachen mußten. Sollte unsere Zeit in dieser Beziehung doch einfacher geworden sein?
Leni und Gerta helfen jetzt ab und zu in der Mittelstandsküche, einer sehr segensreichen Einrichtung. Frau v. Seebeck leitet sie; ihre alte Mutter, Frau v. Gélieu hilft. Beide haben sich bei Leni eingehend nach Dir erkundigt. ||
Von Georg aus Wilna und Siegfried aus Fraipont bei Verviers hatte ich Briefe. Beide sehnen sich, wie wir alle, stark nach Frieden. Georg hat beneidenswerte Nerven. Kürzlich kam er zu einer wichtigen Besprechung nach Berlin. Nach 48 stündiger Fahrt morgens angekommen ist er sofort ins Kriegsministerium gegangen, hat bis ½ 6 Uhr konferiert, dann mit seinen Herren gegessen, Rudolf Korn besucht, mich gar nicht benachrichtigen können, und den Nachtzug nach Wilna benutzt. Dort angekommen hat er gleich bis 2 Uhr nachts gearbeitet. Dabei war er höchst munter und hatte die Folgen des Sturzes vom Pferde überstanden. Gut, daß wir solche tüchtigen Leute haben. Ob das bei unsern schlam-||pigen Freunden, den Österreichern, jemand fertig kriegt?
Uns geht es gut. Leni gewöhnt sich langsam, wenn auch sehr schwer, an den Verlust unseres hoffnungsvollen Jungen. (Noch kürzlich erzählte mir Jemand aus einem Nachbarcorps, daß dort erzählt wird, wie Franz, als er zerschmettert dem Ende nahe war, seinen Leuten auf einen Zettel schrieb: „Jungens haltet den Graben!“ Dieser Zettel ist umgegangen und hat die Leute im Ausharren gestärkt. Ein prächtiger Junge, der bis zum letzten Atemzug an seine Pflicht dachte). –
Auch Hahns können stolz sein auf ihren Walter. Er hat die Rettungsmedaille am Bande bekommen, weil er drei Leute mit eigner Gefahr aus einem mit Kohlenoxyd gefüllten Stollen getragen hat. Beim dritten fiel er selbst in Ohnmacht.
Mit herzlichen Grüßen an Dich u. Meyers, auch von Heinrich.
Dein alter Neffe Julius.
Marianne ist mit viel Eifer in ihrem photographischen Kurs, der sie über Röntgen bald zum Mikroskop führen soll. Einstweilen nimmt sie zur Übung Landschaften u. Tiere auf, die sie zu Wasser u. zu Lande beschleicht.e
a gestr.: stat; b erg. aus: soll; c eingef.: (auf der Vorderseite); d eingef.: sie; e Nachschrift vertikal am linken Rand von S. 8 vermerkt