Potsdam, 20.4.16.
Lieber Onkel!
Für Deine Sendung herzlichen Dank. Ich wollte schon heute so wie so an Dich schreiben in Erinnerung an den Jahrestag Deiner Trauer, nun kann ich gleich den Dank für das Bild damit verbinden. Du hast mir eine große Freude gemacht und mir die Erinnerung an Deine liebe Frau lebhaft wach gerufen. So in der Blüte der Jahre ist sie mir in bester Erinnerung. Auch für Deine wiederholten Worte freundlicher Anerkennung für unsern Franz || danken meine Frau und ich Dir herzlich. Sie haben uns wieder wohl getan gerade in diesen Tagen.
Daß Dein Lithograph Giltsch gefallen ist, lasen wir und dachten lebhaft an Dich. So scheint der Krieg auch da eine gute Tradition zerstört zu haben.
Deine Löwen-Ballade als Beilage ist an sich für das Aufdämmern der Wahrheit in Amerika erfreulich, scheint aber leider noch keinen Erfolg zu haben.
Deiner schwer geprüften Schwester-Enkelin Else wünschen wir Glück zum Examen-Bestehen. Hier wäre sie in der kurzen Zeit erst Stief- oder Halb-Schwester geworden, in Jena schon Vollschwester. Das ist ein Zeichen besonderer || Tüchtigkeit.
Von den Brüdern kann ich Dir folgendes berichten.
Heinrich ist seit etwa einem Monat wieder in Stettin. Er hatte um seine Ablösung gebeten, weil er sich gegen seinen Vertreter wehren mußte, der eine Mitregentschaft u. Teilung der Chefarztstelle betrieb. Er hat eine Woche siegreich gekämpft u. sich dann bei Mieze in Gernrode erholt. Er steht noch zur Verfügung des Kriegsministeriums. Übrigens hat er auch das eiserne Kreuz I. Klasse.
Georg ist nach kurzem Urlaub wieder in Wilna (Geh. Kriegsrat, Armee-Intendant, X. Armee, Generalkommando, Osten). Er hat jetzt 350 000 Mann, 150 000 Pferde und die hungernde Bevölkerung (Wilna hat 220 000 Einwohner!) zu versorgen. || Keine Kleinigkeit.
Siegfried (Hauptmann im Landsturm-Bataillon „Karlsruhe“, Chandfontaine, Belgien) ist von Huy in Maastal in das noch schönere Vesdre-Tal übergesiedelt (bei Pepinster unweit Verviers). Er führt ein fast friedlich-idyllisches Dasein, giebt seinen Leuten Unterricht in Landeskunde etc. Er sehnt sich auch nach ernster Arbeit.
Zu meinem 50. Geburtstag (Nach Gertas Meinung Schwelle des Greisenalters) erhielt ich die ersten Glückwünsche von meinem ersten Kindermädchen, dem „Großen Kurfürsten“, aus ihrer elenden Kellerwohnung in Berlin, die sie trotz meiner Bitten nicht verlassen will und ihren „Schützengraben“ nennt. Ich suchte sie nach einigen Tagen auf. Sie war selig und glücklich im Gedanken noch an die Guttaten unserer „goldenen“ Eltern. Sie zeigte mit Stolz ihre Bilderwand mit ausgeschnittenen Bildern aus Zeitschriften. In der Mitte || prangt – Dein Bild umgeben (bitte halte Dich fest) von der Kaiserlichen Familie! Dazu hatte sie Ansichtskarten aus Neudamm, ihrer Heimat. Es ist kaum glaublich und höchst rührend, daß solche 73jährige, vor 4 Jahren überfahrene, Person mit 26 M. Armenunterstützung monatlich glücklich und zufrieden ist. Sie wies mein Anerbieten, ihr eine Zulage zu geben, entrüstet zurück. Nur mit der Aussicht auf einen Besuch in Potsdam im Mai machte ich sie glücklich. An Tante Bertas Grab hatte sie mit Minna edlen Wettstreit. Jetzt hat sie es allein. „Ich habe Fräulein erzählt, daß wir schon 20 Monate Krieg haben“ – sagte sie.
Daß Du öfters ins Paradies kommst, freut uns zu hören. Auch Dein Garten wird schon grünen. ||
Leni und besonders die Kinder, lassen herzlich grüßen, auch „Schwester Else“.
In herzlichem Gedenken
Dein treuer Neffe
Julius.
Wegen Budie will ich bis 5. Mai warten. An Haseloff werde ich schreiben und Dir dann berichten.