Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 15. Februar 1913

Potsdam, 15.2.13.

Lieber Onkel!

Wieder ist ein Jahr verflogen, und Dein Geburtstag steht vor der Tür. Was man Dir für das 80. Jahr wünschen soll, ist wenig und doch wieder viel: Das Erträglichbleiben Deines körperlichen Zustandes und damit zugleich bei aller Resignation ein gut gerüttelt und geschüttelt Maß Lebensfreude, zu der || die Dankbarkeit und Verehrung Deiner Verehrer, Freunde und Anhänger nicht wenig beitragen und Dich über manche Beschwerde des Alters hinweg trösten wird. In diesem Sinne nimm auch unsere herzlichen Glückwünsche entgegen.

Gestern habe ich lebhaft Deiner gedacht. Ich besuchte eine alte Dame, die Generalin von Gélieu, deren Mann ein Neffe eines Fl. v. Gélieu war, der Erzieherin der Königin Luise, von der sie noch Andenken hat, die ich für eine Ausstellung für 1813 in unserem Stadtmuseum haben wollte.

Sie erzählte, ihr Mann habe das Infan-||teriebataillon in den 1870er Jahren in Jena gehabt. Ihre Tochter ist hier an einen verabschiedeten General von Seebeck verheiratet, einen Sohn Deines alten, so viel ich mich entsinne, von Dir hoch verehrten Kurators Seebeck. In dessen Hause hätte sie Dich gesehen, bei officiellen Gelegenheiten im blauen Frack mit goldenen Knöpfen! Es wäre immer ein erfrischendes Fest gewesen, wenn Du gekommen wärest. Schade, daß kein Bild von Dir im blauen Frack mit Goldknöpfen existiert. Auch nach Tante Agnes fragte sie, deren sie sich mit den reizenden Kindern lebhaft erinnerte.

Wir feiern hier in Potsdam vom 30. Dezember bis 17. März das Jahr || 1813 mit Vorträgen in Pausen von 8-14 Tagen (York, Stein, Gneisenau, Blücher, Arndt etc). Gerade in jetziger Zeit, in der es uns viel zu gut geht, ist der eindringliche Hinweis auf jene schwere und doch so schöne Zeit sehr von Nöten. Die Vorträge sind immer voll besucht. Dazu werden Lieder von Arndt, Körner, Schenkendorf etc. gemeinschaftlich gesungen oder von Gesangvereinen vorgetragen.

Unser Franz hat die schriftlichen Arbeiten zum Abiturientenexamen hinter sich und wird am 20.2. mit dem mündlichen voraussichtlich verschont werden. Ich habe ihn zum 1. April bereits zum Diensthalbjahr (als Mediciner) bei dem Bataillon in Jena angemeldet. ||

Es soll sich bis 31. März in Jena untersuchen lassen. Wenn ich ihn schon vorher zur Untersuchung schicken würde, was nicht ausgeschlossen ist, würde er Dich natürlich besuchen. Da ich weiß, daß es mit dem Logieren bei Euch nicht gut paßt, würde ich ihn im Hotel wohnen lassen. Da er gut gewachsen ist, wird er wohl genommen werden. Er freut sich schon sehr darauf, während seiner Dienstzeit den alten Großonkel noch näher kennen zu lernen und einen bleibenden Vorteil für sein späteres Leben zu haben. ||

Ich hoffe, Du wirst Freude an ihm haben.

Nun laß Dich morgen von Briefen und Besuchen nicht erdrücken, grüße Tante Agnes herzlichst und sei selbst bestens gegrüßt

von Deinem treuen Neffen

Julius.

Brief Metadaten

ID
34162
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
15.02.1913
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
14,1 x 22,2 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34162
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 15.02.1913; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34162