Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 30. Oktober 1910

Potsdam, 30.10.10.

Lieber Onkel!

Besten Dank für Deinen Sonder-Abdruck aus der medicinischen Wochenschrift. Darf ich Dir als Gegengabe die Festrede eines Katholischen Theologen schicken, die ja selbstverständlich in der Hauptsache Deinen lebhaften Widerspruch finden wird. Ich weiß ja auch, daß Du diese halbe Annahme der Entwicklungsidee bis zum Haltmachen vor dem Menschen für gefährlich hältst, || aber ich halte es doch schon für einen großen Fortschritt, daß ein katholischer Theologe so wohlwollend und fast begeistert über Darwin reden darf, daß vor allem sich der Katholik mit Darwin beschäftigen darf. Wird die Entwicklungsidee dadurch bei gläubigen Katholiken erst hoffähig, dann ist doch immerhin eine Chance für spätere Vornahme des letzten entscheidenden Sprunges vorhanden.

Vielleicht schickst Du mir die Rede gelegentlich zurück.

Durch die „Taube“ er-||fuhren wir, daß Du inzwischen wieder Großmutter geworden bist. Herzlichen Glückwunsch! Tiefsinnige biologische Betrachtungen darüber, daß Dir vom Himmel nur Enkelinnen beschieden sind, will ich nicht anstellen. Das kannst Du selbst tun.

– Uns geht es in diesen herrlichen Nachsommertagen, in denen sich Potsdam, in buntem Herbstlaub prangend, von seiner besten Seite zeigt, vortrefflich. Mir hat man leider die mit Verwaltungskram gesegnete Dienstaufsicht über die mittleren und unteren Beamten des Amtsgerichts || aufgehalst, was ja sehr ehrenvoll ist, aber mir nicht liegt.

Daß die Berliner Universität Dich vergessen hatte, war lieblos, aber bei Deinem Cursstand in Berlin nicht zu verwundern. Ich habe auch nichts gesehen von diesem Massenfest. Euer Jubiläum in Jena war sicherlich intimer und ansprechender.

Hoffentlich geht es Dir und Tante Agnes nach der endgültigen Trennung von Emma gut. Du wirst nun wohl in Deinen Briefsammlungen vergraben sein.

Mit herzlichen Grüßen

von Haus zu Haus

Dein treuer Neffe

Julius.

Die noble Stiftung Deines Schwiegersohns hat uns, wie allgemein, sehr erfreut. Schade, daß verhältnismäßig so wenige Leute solchen Gebrauch von ihrem Reichtum machen.a

a Nachsatz vertikal am linken Rand von S. 4 vermerkt

Brief Metadaten

ID
34148
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
30.10.1910
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
11,5 x 17,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34148
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 30.10.1910; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34148