Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 7. August 1909

Potsdam, den 7.8.09.

Lieber Onkel!

Daß der Sommer diese Überraschung in Gestalt der Vermehrung Deiner Großvaterwürde bringen würde, dachte ich nicht. Herzlichen Glückwunsch Dir und Tante Agnes zur fünften Enkelin! In Deinem Stamm scheint die zweite Generation nur Mädchen zu kennen. Ein Zeichen, daß die Frau das stärkere Geschlecht wird. Oder sollte ein interessantes phylogenetisches Rätsel vorliegen? Ich hätte Meyers von Herzen den kleinen Meyer gegönnt. ||

Wir sind diesmal bis auf einige Ausflüge in den Ferien zu Haus geblieben, was uns bei dem bis vorgestern herrschendem schlechten Wetter nicht schwer wurde. Nur die Mädel waren 3 Wochen auf dem Lande bei Freienwalde.

Wir haben Lehnin und Chorin, Mutter- u. Tochterkloster der fleißigen Cisterzienser besucht. Sehr lehrreich in heutigen unglaublichen Zeitläuften, die wieder zur Centrumsherrschaft zurückkehren wollen. Die malerischen Klosterruinen mahnen doch deutlich genug, daß die Rolle der Kirche u. der Cisterzienser-Klöster als Kulturträger die sie hier in der Mark zweifellos waren, eine geschichtlich weit zurück liegende ist und nur historisch betrachtet werden kann. Aber unsere || historisch angeblich so gebildete Zeit ist praktisch verdammt unhistorisch. Wenigstens lernen wir nichts aus der Geschichte. Einen so jämmerlichen Reichstag haben wir lange nicht gehabt. Nur eine Steuer hat er vergessen: die Rede- und Tinten-steuer.

Darum will ich auch schließen und Dir u. Tante Agnes gute Sommer-Erholung wünschen.

Hoffentlich gestaltet sich Dein Verhältnis zu Deinem Nachfolger auf die Dauer erträglicher, als zu Anfang.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer Neffe

Julius.

Unser Karl ist auf Anordnung des Landesdirektors in die neue, näher liegende, || Anstalt in Teupitz gebracht worden, nachdem er 37 Jahre (!) in Eberswalde gewesen. Ich besuchte ihn noch kürzlich in Eberswalde und fand ihn unverändert. Nach einiger Zeit will ich mich in Teupitz von seiner Unterbringung überzeugen. Der Ortswechsel soll nicht ungünstig wirken. Ist Eure Emma noch in Tannenfeld?

Brief Metadaten

ID
34137
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
07.08.1909
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
13,9 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34137
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 07.08.1909; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34137