Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Dezember 1905

Potsdam, 5.12.05.

Lieber Onkel!

Seit Deinem letzten Briefe sind 4 Wochen vergangen, so daß Du hoffentlich wieder das Bett verlassen hast. Wer weiß, ob Du überhaupt in Jena und nicht schon zur Erholung irgendwo im warmen (?) Süden weilst, aber mit Heizung. Hoffentlich hast Du die üblen Nachwirkungen der Pferdekur in Baden-Baden wieder überwunden.

Wenn Du auch behauptest, alt || geworden zu sein, so brauchst Du doch nicht den Kopf hängen zu lassen. Du wirst Dich schon wieder herausrappeln. Du mußt doch auch erst noch Deinen Plan verwirklichen, Deine Lebenserinnerungen zu schreiben, ehe Nirwana oder, was fromme Seelen in echt christlicher Nächstenliebe Dir gönnen, die frischgeheizte Hölle Dich aufnehmen soll. Bei diesem miestrigen Wetter hat übrigens der Gedanke an die warme Hölle etwas recht Anheimelendes. –

Uns geht es bis auf übliche kleine Erkältungen || recht gut. Die Kinder freuen sich der Freiheit in unserem neuen Heim und sehen mit Interesse einen Hühnerstall wachsen, den ich verfertige. Sie werden dann praktische Entwicklungsgeschichte lernen, die bisher in der Theorie noch etwas wunderbare Blüten bei den Kindern treibt. So erklärte Franz, einen Hahn brauchten wir nicht zu kaufen, den werde er vertreten. Ganz praktisch, aber ich fürchte, er könnte sich doch heiser krähen.

Unser Landschaftsbild ist im Begriff, sich am schönsten Punkte zu verändern. Die alte Glienicker || Brücke von Schinkel fällt, weil sie für den wahrhaft gefährlichen Automobil- und den sonstigen starken Verkehr zu schmal und für die Schiffe zu niedrig ist. Denn das Aufklappen muß aufhören.

Wenn im nächsten Jahre der Teltow-Kanal fertig ist, wird auf einen Verkehr von 50-60000 Schiffen im Jahre gerechnet. Eine hölzerne Notbrücke ist schon fertig. Nun soll die alte Brücke fallen. Ob eine neue steinerne oder eine Hängebrücke an ihre Stelle kommt, steht noch nicht fest. Wenn auch die neue Brücke ebenso schön werden kann, so trennt man sich doch ungern von einem Landschaftsbilde, das einem lieb geworden und in Fleisch und Blut übergangen ist.

Tante Agnes geht es hoffentlich dauernd so gut, wie Du schreibst.

Mit besten Wünschen für gute Besserung und herzlichen Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer Neffe

Julius.

Brief Metadaten

ID
34110
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
05.12.1905
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,0 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34110
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 05.12.1905; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34110