Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 25. Oktober 1905

Potsdam, 25.10.05.

Lieber Onkel!

Dein Brief hat mich teils in Trauer teils in Freude versetzt. Daß es Dir so wenig nach Wunsch geht, ist recht betrübend, namentlich da Du bettlägerig bist. Erfreulich dagegen ist, daß es Tante Agnes so gut geht und – daß Dein Sorgenkind, die Schrödersche Hypothek nun endlich abgestoßen werden kann. Ich will Dir ehrlich gestehen, daß sie auch seit 3 Jahren mein Sorgenkind gewesen ist. Ich hatte ja von Anfang an bei || Dr. Schröder darauf hingearbeitet, sein Vater solle die Hypothek übernehmen. Bei dem heftigen Widerstande des Dr. Schröder war das ja zunächst nicht zu erreichen. Als er aber mit Verkaufsgedanken hervortrat, hoffte ich, ihn durch die Gebundenheit an Dich zu dem Schritte zu nötigen. Ich war deshalb etwas enttäuscht, als Dr. Jacobs sich mit der Bürgschaft des alten Schröder begnügte. Denn die Bürgschaft eines Großkaufmanns kann, auch wenn er noch so glänzend mit Heringen handelt, morgen, wenn die Heringe ausbleiben, oder die Börse Sprünge macht, gleich Null sein.

Ich hoffe aber immer, daß Dr. Jacobs, der die örtlichen || Verhältnisse im Auge hat, den geeigneten Zeitpunkt nicht vergessen werde. Ich war deshalb beruhigt, daß Ihr die verlangte Vorrechteinräumung, die Deine dingliche Sicherheit noch erheblich verschlechtert hätte, rund abgelehnt habt. Damit habt Ihr den Dr. Schröder anscheinend genötigt, den Vater nicht nur platonisch, sondern wirklich in die Bresche springen zu lassen. Ich gratuliere Dir daher von Herzen, daß Du diese Sorge loswirst. Hoffentlich trägt diese Erleichterung zur Hebung Deines Allgemeinbefindens bei.

Den Hypothekenbrief werde ich am Sonnabend aus der Stahlkammer ablangen und an Dr. Jacobs schicken, der || das Weitere besorgen und Dir die nötige Abtretungserklärung zur Unterschrift bringen wird. Ich kann Dir die Erklärung nicht entwerfen, weil ich die näheren Bedingungen, namentlich wegen der etwa erfolgtena Rückzahlungen, nicht kenne. Auch muß Deine Unterschrift sowieso beglaubigt werden. Ich nehme an, daß die Aushändigung des Hypotheken-Briefes an b Schröder sen. erst erfolgen wird, wenn die Reichsbank seinen Check honoriert und Du das Geld bestimmt hast.

Emma bedaure ich aufrichtig. Aber sie wird in einer Anstalt auf Dauer am besten aufgehoben sein.

Mit herzlichen Grüßen auch an Tante Agnes von meiner Frau und

Deinem treuen Neffen

Julius.

Gute Besserung!

Den Brief aus Rußland, der hierher kam, hast Du wohl erhalten.c

Minna Hentling, Tante Bertas alte Stütze, war vorgestern bei uns. Sie hat sich nicht erholt und kann ohne Zusammenhang mit der Familie nicht leben. Sie erzählte, die Bronzeknäufe u. Ringe, die sie Deinerd Lisbet in Leipzig abgegeben hat, seien von Beuth für Tante Berta angefertigt, haben also ein historisches Interesse. Vielleicht teilst Du das Lisbeth mit.e

a eingef.: etwa erfolgten; b gestr.: Dr; c Nachtrag („Den … erhalten”) vertikal am rechten Rand von S. 4 vermerkt; d Text („Minna … Deiner”) vertikal am linken Rand von S. 4 vermerkt; e Text („Lisbet … mit.”) vertikal am linken Rand von S. 3 vermerkt

Brief Metadaten

ID
34109
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
25.10.1905
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,0 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34109
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 25.10.1905; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34109