Julius Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 11. Oktober 1905

Potsdam, 11.10.05.

Holzmarktstr. 4.

Lieber Onkel!

Durch Siegfried hörte ich, daß Du Deines Beines wegen in Baden-Baden zur Kur seiest. Wollen die Beine wieder nicht? Höchst bedauerlich, aber da Du die Beine nun einmal nötig brauchst, so mußt Du sie schon einigermaßen wieder reparieren, was Dir hoffentlich im schönen Baden-Baden gelingen wird, wo Du schon manches Mal Heilung gefunden hast. Leider wirst Du aber wohl auch, wie wir, schlechtes Wetter gehabt haben. Wir wenigstens hatten bisher täglich Regen und erfreuen uns erst seit gestern || schönen Herbstwetters.

Wir sind vor 14 Tagen umgezogen in die Holzmarktstraße, die erste Querstraße der Neuen Königsstraße, die zum Wasser mit Überfahrt nach Babelsberg führt. Hier war bisher ein Holzplatz, den die Stadt für einen Stätteplatz mit Bollwerk erworben hat: Das solide gebaute einstöckige Holzhändlerhaus mit gutem Souterrain, Hof und schattigem Gartenplatz mit Laube, leerem Pferdestall und Remise habe ich gemietet. Wir fühlen uns schon sehr behaglich bis auf die Handwerker, die noch im Hause arbeiten. Vor allem kommen sich die Kinder, derentwegen wir hauptsächlich den Tausch gemacht haben, wie im Himmel vora. Sie können sich tüchtig im Freien tummeln und in den Nebenräumen spielen nach Herzenslust und brauchen nicht spazieren zu gehen, woran Kindern || doch auch herzlich wenig liegt.

Das beste Zimmer wird jetzt fertig und soll Aquarium heißen. Über meergrüner Tapete zieht sich nämlich ein Fries hin, zu dem wir aus Deinen Kunstformen vereinfachte Schablonen gezeichnet haben, die der Maler uns an die Wand gezaubert hat. Je zwei Seepferde rahmen abwechselnd eine Qualle, eine Radiolarie oder einen Tintenfisch ein. Die festere Verbindung der locker hingesetzten Formen bilden die wiederkehrenden Seepferde, die sich in den Ecken ansehen. Sie sind dunkelgrün, die anderen Formen von unten blau nach oben in Rot übergehend. Es wirkt vortrefflich und wird den Kindern eine stete Erinnerung an den jugendlich alten Onkel sein, den || sie mit Andacht im Frühjahr hier gesehen haben.

Ich war im Juli 14 Tage bei Georg in dessen gemütlicher Häuslichkeit, die ich zum ersten mal längere Zeit sehen konnte. Er hat mit der zweiten Frau einen vortrefflichen Griff getan und ist sehr glücklich. Wir haben Wanderungen im Taunus und einen recht gelungenen Ausflug nach Aschaffenburg, Mittenberg, Amorbach, Leiningen gemacht. Ich war dann einige Tage in Heidelberg, wo ich auch bei Quinckes in alter Gemütlichkeit und bei Haller genußreiche Stunden erlebte. Quincke hat sich in Neuenheim ein Haus gekauft für später. Vorläufig bleibt er aber noch im Amt. – Auf der Hinreise hatte ich Marburg, Wetzlar, Braunfeld, Limburg, Weilburg u. Diez || an der Lahn besucht und war wieder begeistert, wie schön doch unser deutsches Vaterland mit seinem herrlichen Waldbestande ist. An historischen Bauwerken und malerischen Städten habe ich auch eine Fülle gesehen, Erfurt nicht zu vergessen, wo ich auf der Rückreise einige Stunden verbrachte. Für Merseburg reicht meine Zeit leider nicht.

Am Freitag war 5. Sackscher Familientag, auf dem wir außer Hahns auch Heinrich trafen, der von seiner Reise nach Tirol und Venedig sehr befriedigt war.

Den Deinigen geht es hoffentlich gut, auch Emma, die wohl wieder in Tannenfeld ist. ||

Amüsieren wird Dich, daß der anliegende Festkantus, der auf dem Familientag gesunden wurde, Anlaß zu einer ergötzlichen Episode gab. Der Konsistorialrat Nourney aus Stettin, ein ansehnliches Kirchenlicht und gräßlicher Schwätzer, fing den Gesang mit dröhnender Stimme an, um im 2. Verse jäh zu verstummen. Alles sah erstaunt hin. Erst beim 4. Verse dröhnte er weiter. Man sollte fromme Kirchenlichter auch nicht so in Verlegenheit setzen.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus und besten Wünschen für gute Besserung

Dein treuer Neffe

Julius.

a eingef.: vor

Brief Metadaten

ID
34108
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
11.10.1905
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
14,0 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34108
Zitiervorlage
Haeckel, Julius an Haeckel, Ernst; Potsdam; 11.10.1905; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_34108