Potsdam, 28.11.04.
Lieber Onkel!
Ich habe wegen der Wittekowschen Hypothek sondiert. Die Zinsen sind von 5 % langsam ermäßigt worden auf 5 ¾ % (1896). Inzwischen ist die alte Frau gestorben, auch der Sohn, der die Färberei hatte. Jetzt haben vier Töchter die beiden Häuser als Erben. Die dort wohnende unverheiratete Tochter versicherte mir glaubhaft, sie müßten sich mit den beiden (alten) Häusern durchschlagen. Sie könnten sie schlecht verkaufen, und durch die neuen komfor-||tableren Stadtteile würden ihre alten Stadthäuser entwertet. Ich kann das aus unserer eigenen Erfahrung nur bestätigen. Da im übrigen die Zinsen pünktlich gezahlt werden, möchte ich Dir raten, nicht zu kündigen. Sie sagte, die 80 M. mehr im Jahre würden ihnen sehr sauer werden. Im allgemeinen stehen ja hier erste Hypotheken zu 4 %, aber doch auch viele zu 3 ¾ und 3 ½ %.
Bei dieser Gelegenheit würde ich gern von Dir hören, ob Dr. Schröder auf die Hypo-||thek in Ziegenhain Abzahlungen geleistet hat, oder ob es bei der Bürgschaft des Vaters geblieben ist.
Verzeihe übrigens, daß ich Dich nochmals an die 14,50 M. erinnere, die ich im Frühjahr bei Umschreibung der Zackschen Hypothek für Dich verauslagt habe. Es sind 13 M. Notariatskosten, die ich Walter erstattet habe, und Porti. Du kannst sie ja meinem Konto bei der Deutschen Bank in Berlin überweisen lassen.
Uns geht es gut bis auf eine kleine Halsentzündung, die sich unser Franz beim ersten Schnee geholt hat. Wir freuen uns, mit Hahns öfter zu-||sammen zu sein. Auch Heinrich haben wir vor einigen Wochen besucht.
In Deinen Lebenswundern haben mich die Kapitel über Leben, Tod, Bewegung, Lebenswert besonders interessiert, weil sie breiter und verständlicher erörtern, was Du in den Welträtseln mehr angedeutet hast. Ganz bin ich noch nicht durchgekommen; Du hast ja im Winter wieder kollossal gearbeitet. Von Marasmus merkt man nichts.
Wir haben uns jetzt an den herrlichen Naturschilderungen in Humboldts Ansichten und Schleidens Pflanze durch Vorlesen ergötzt, Bücher, die auch schon wegen ihrer historischen Bedeutung von Interesse sind. Köstlich ist übrigens, wie geflissentlich Schleiden noch immer || seinen dualistischen Standpunkt betont gerade, wo er eine monistische Konsequenz ziehen müßte. Man sieht, daß er vor Darwin geschrieben hat.
Einen großen Genuß habe ich kürzlich in der Urania gehabt, wo Schellings Tiere der Wildnis in geradezu verblüffenden Momentphotographien in Projektion gezeigt werden. Alle Achtung vor dem Mut und der Ausdauer dieses Mannes. Die Blitzlichtbilder an den Tränken in der Nacht sind genial. Merkwürdiger Weise ist dieser Vortrag nicht || so besucht, wie man annehmen sollte.
Daß es Eurer Emma leidlich geht, ist ja sehr erfreulich. Wenn es nur auf die Dauer bei Euch mit ihr geht. Ich wünsche Euch von Herzen eine befriedigende Regelung dieser leidigen Frage.
Von den Geschwistern haben wir gute Nachrichten. Auch Siegfrieds Frau geht es stetig, wenn auch langsam, besser.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Dein treuer Neffe
Julius.