Seelow, 14.2.03.
Lieber Onkel!
Zu Deinem Wiegenfeste, mit dem Du (wenn ich an unseren 100jährigen Justizrat Zabel denke, der soeben einen frischen Schlüsselbeinbruch mit Erfolg kuriert und schon auf seinen 101. Geburtstag sich freut) erst das 70. Lebensjahr anbricht, wünsche ich Dir mit meiner Frau von Herzen Gesundheit und die alte Schaffensfreude mit dem guten Humor, der Dich schon so oft über die Misere dieses Jammertales (das zu verlassen seinen Hauptverkündern doch oft recht sauer wird) hinweggetröstet hat. Wie ich von Rudolf Korn höre, hast Du Dich für die Veröffentlichung des Kruppschen Atlasses, der als Gegen-||stück zu den uns immer von neuem entzückenden Kunstformen ein populärer Pionier für die Naturwissenschaften zu werden verspricht, gewinnen lassen. In bessere Hände konnte die Sache wohl nicht kommen. Außerdem hast Du mit dem Schiedsrichteramte für die Kruppsche Preisaufgabe, auf deren Arbeiten ich sehr gespannt bin, eine reiche interessante Arbeit übernommen, so daß Du Deinen bekannten melancholischen Redensarten von Marasmus, Gehirnschwund etc. vorläufig noch den Laufpaß geben kannst.
Von meiner plötzlichen Schweizerreise bin ich am 25. Januar wohlbehalten zurück gekehrt. Dein Rat, nach Corsica oder Corfu zu fahren, war an || sich sehr verlockend, Rudolf Korn wollte aber seiner Frau wegen nicht zu weit fort. Außerdem ist der Januar der schlechteste Reisemonat, der auch im Süden noch fast vegetationslos ist und unter Umständen bei Kälte, auf die niemand eingerichtet ist, recht ungemütlich sein kann. Da dachten wir, lieber den so viel – und mit recht – gepriesenen Winter des Hochgebirges in der komfortablen Schweiz zu verleben. Wir haben dann auch das gefunden, was wir hofften. Bis auf wenige Tage hatten wir Frostwetter mit reichlichem Schneefall und meist sonnigen Tagen. Die Luft ist klarer als im Sommer, so daß wir die herrlichsten Fernsichten hatten. In Genf waren wir gar nicht, sondern zunächst ein Woche in dem || ruhigen Ouchy, von [wo] wir Lausanne und die kleineren Orte am See bummelnder Weise besuchten. Wir suchten auch Prof. Forel in Chigny auf, der uns lange durch seine großartige und interessante Ameisensammlung fesselte.
Dann waren wir einige in Caux oberhalb Territet, einen Tag in Brig (nach herrlich sonniger Fahrt durch das Rhonetal), wo wir die Werkstätten des Simplontunnels besichtigten. Von da machten wir bei klarem Frost mit Rauhreif die landschaftlich großartige Fahrt über den Simplon im Schlitten; ein unvergeßlicher Genuß. Wir hatten großes Wetterglück. Denn am Nachmittag setzte in Doma d’Ossola der Fön mit Nebel ein, so daß die drei folgenden Tage in Pallanza allerdings fast verloren waren. Dagegen war die Dampferfahrt nach || Luino und von Ponte Tresa nach Lugano wieder sehr schön. In Lugano, das bis unten hin verschneit war, blieben wir eine Woche. Ich machte allein einen Abstecher nach Mailand und Como auf 2 Tage, um das Wunderland der Kunst doch wenigstens gestreift zu haben, was mir insofern von großem Wert war, als ich den Maßstab meiner bisher nur aus Büchern und Bildern genährten Phantasie wesentlich berücksichtigen konnte.
Von Lugano fuhren wir über den Gotthard zurück bei entzückendem Wetter. In Göschenen blieben wir einen Tag und stampften im Schnee nach Andermatt hinauf. Auf der Thalfahrt, die wir bei blendenden Sonnen-||schein antraten, kamen wir schließlich in Nebel, der wegen des Frostes den ganzen Vierwaldstädter See bedeckte, so daß wir auf der Fahrt über den See und in Luzern nichts sehen konnten. Wir wendeten uns daher schon zwei Tage früher heimwärts und verlebten einige Tage bei den Geschwistern in Straßburg. Ich hatte dort das Glück, einen Influenza-Anfall und einen hartnäckigen Luftröhrenkatarrh durch eine Radikalschwitzkur gänzlich los zu werden. In Mannheim besuchte ich Friedel, der etwas spitz aussah und über die anstrengende Arbeit klagte.
Da ich noch nie in der Schweiz || außer vor 17 Jahren überhaupt nicht mehr in den Alpen gewesen war, kannst Du Dir denken, welchen hohen Genuß mir die Reise bereitet hat. Wenn auch im Winter der wirksame Kontrast zwischen den grünen Matten und dem blendenden Weiß der Hochalpen fehlt, so wirken doch wieder die bis unten verschneiten Berge geringerer Höhe an sich viel größer und gaben in der klaren Luft dem Landschaftsbilde einen besonderen Reiz, der im Sommer fehlt. Jedenfalls werde ich in dankbarer Erinnerung an dieser schönen Reise zurück denken.
Der Hauptzweck, die Erholung von Rudolf Korn ist zwar wegen der Unsicherheit seiner Zukunft, die || ihn begreiflicher Weise nicht ganz zur Ruhe kommen ließ, und auch jetzt noch nicht beseitigt ist (seine Kruppschen Beziehungen scheint er endgültig abbrechen zu wollen) zwar nicht ganz, aber doch sehr erheblich erreicht. Die Hauptsache war überhaupt schon, daß er der aufregenden Sphäre und den peinlichen und unangenehmen Situationen eine Zeitlang gänzlich entrückt wurde. Wir haben dann auch über seine Zukunft und letzte Vergangenheit möglichst wenig gesprochen.
Im März wollte er Dich übrigens besuchen.
Die leider unterbrochene Lektüre von Boelsches Liebesleben habe ich erst jetzt wieder aufnehmen können. Ich sende Dir in einigen Wochen dieses außerordentlich fesselnde, originelle und poetische Buch zurück und bitte um Indemnität für die Verzögerung.
Tante Berta hat seit einer Woche eine offene Wunde am Fuß, die doch nicht ohne Besorgnis zu sein scheint. Sie liegt auf dem Sofa. Der Arzt verbindet sie täglich. Es geht ihr bereits besser, u. sie ist selbst gutesa Mutes. Sie hofft, daß die Wunde in einigen Tagen verheilt. Sie weiß selbst nicht, ob sie sich gestoßen hat. Über einige Zeilen von Dir würde sie sich sehr freuen. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Dein treuer Neffe Julius.b
a Text („Tante […] gutes”) vertikal am linken Rand von S. 8 fortgesetzt; b Text („Mutes […] Julius.”) vertikal am linken Rand von S. 7 notiert