Seelow, den 14.12.01.
Lieber Onkel!
Deine inhaltreiche Sendung habe ich erhalten und sage Dir zunächst herzlichsten Dank für die beiden Weihnachtsgaben. Wegen der gemeinsamen Jubelgabe werde ich mich mit Heinrich und Marie in Verbindung setzen. Wenn Du die andere Gabe für mich zur ständigen Weihnachtsgabe machen willst, so muß ich gegen solche Verschwendung protestieren. Diesmal war ja in Deinen Hypothekensachen zu thun, in den nächsten Jahren ist vielleicht nichts nötig. Für diesmal nochmals herzlichen Dank. Ich schicke Dir die Anweisung an die Deutsche Bank noch einmal zurück und bitte Dich bei den Worten: „am 1. Januar 1902“ hinzuzusetzen: „oder einige Tage früher“, weil die Zahlung wahrscheinlich schon in den letzten Tagen des Dezember erfolgen kann.
Nun komme ich noch mit einer großen Bitte. Vor zwei Jahren hast Du uns 5 Geschwistern, die wir Ernst in Prerow unterhalten, Deinen Anteil an dem von Großmutter für Karl in || Eberswalde gestifteten Fideikommiß (18000 M., davon Dein Teil 9000 M.) abgetreten und eine Urkunde vollzogen, die ich abgesetzt hatte.
Hinterher ist mir die rechtliche Gültigkeit dieser Abtretung sehr zweifelhaft geworden, weil hier teils Bestimmungen des Preußischen Landrechts, unter dessen Herrschaft Großmutter starb, teils Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches Platz greifen, die sich widersprechen. Nach Bürgerlichem Gesetzbuch würdest Du nur dann zur Verfügung über Deinen Anteil berechtigt sein, wenn Du Karl überleben solltest, was wir in Eurer Beider Sinne hoffen, was aber bei Karls kräftigem körperlichen Zustande (ich besuchte ihn vor einem Monat wieder) leider nicht mit Sicherheit anzunehmen ist. Stirbst Du vor Karl, so gehen die Rechte aus dem Fideikommiß unmittelbar auf Deine Descendenz über, so daß Deine Verfügungen ungültig wären. Nach Landrecht wäre die Verfügung meines Erachtens gültig, doch giebt es auch entgegen stehende Rechtsmeinungen. Kurz und gut: Deine Verfügung ist rechtlich von so zweifelhaftem Werte, daß wir eventuell bei Karls Tode auf Verhandlungen mit || Deinen Kindern angewiesen sein würden, die für uns mindestensa wenig angenehm, vielleicht erfolglos wären. Dem möchten wir und gewiß auch Du selbst uns nicht aussetzen. Auch wenn Du testamentarisch das Erforderliche bestimmen würdest, würde es kaum gültig sein, weil Du noch kein festes Recht an dem Fideikommiß hast. Die einzig sichere und rechtlich unanfechtbare, dazu einfachste, Lösung ist nun eine Verfügung unter Lebenden. Wenn Du uns jetzt die 9000 M. durch Überweisung von Wertpapieren bei der Deutschen Bank überträgst, so ist die ganze Angelegenheit für uns in der glücklichsten Weise erledigt. Ich würde Dir dann Deine Urkunde zum Zwecke der Vernichtung zurück schicken (augenblicklich habe ich sie in der Stahlkammer). Bei Karls Tode würde dagegen der Anteil an den 18000 M. nach der Bestimmung des Testamentes an Dich oder Deine Kinder ausgezahlt werden. In diesem Falle würde auch der Stempel von 180 M., den wir für Deine Schenkungsurkunde bei Karls Tode entrichten müßten, wegfallen.
Lieber Onkel, ich würde mich nicht mit dieser || Bitte an Dich wenden, wenn Du nicht vor zwei Jahren aus freien Stücken in Einlösung eines unsern Vater gegebenen Versprechens diese Zuwendung an uns perfekt machen wolltest. Du kannst versichert sein, daß Deine hochherzige Gabe ihrem Zwecke gemäß zur Unterstützung von Ernst und seiner nun schon auf 4 Köpfe angewachsenen Familie verwandt werden wird. Deshalb würde ich Dich bitten, falls Du meine Bitte erfüllen willst, die Papiere mit Coupons und Talons auf Georgs Konto bei der Deutschen Bank Berlin W. Potsdamer Str. 134a zu überweisen, weil Georg die Verwaltung unseres „Ernstfonds“ besorgt. Durch Überweisung der vollen 9000 M. mit Koupons würdest Du allerdings schon den Zinsgenuß (den an dem Fideikommißkapital noch Karl hat) zuviel geben. Deshalb würden 8000-8500 M. mit Koupons bereits dem Kapitalwerte der später für Dich zu erwartenden 9000 M. vielleicht mehr entsprechen.
Daß es Euch gut geht, freut uns sehr. Da werdet Ihr einem guten Jahresschluß entgegen sehen. Wenn wir uns zwischen Weihnachten und Neujahr in Berlin sehen könnten, würden wir uns sehr freuen. Unsere Kinder haben die Windpocken soeben überstanden, so daß wir heute über 8 Tage nach Potsdam zu reisen gedenken.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus und aufrichtigem Danke
Dein treuer Neffe Julius.
a eingef.: mindestens