Sethe, Hermine

Hermine Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 28. März 1854, mit Nachschrift von Karl Haeckel

Schloß Ziegenrück 28 März

1854

Lieber Bruder, Schwager, Herr Gevatter

u.s.w. u.s.w!

Karl schreibt Dir, Du würdest „eine nette Hausfrau finden“, sobald Du herkämst. Meine große Bescheidenheit läßt mich natürlich dabei aus dem Spiel, ich sinne daher unter den hiesigen hoffnungsvollen Jungfrauen hin u. her, welche er Dir als Hausfrau bestimmen möge. Und wo bleibe ich am Ende stehen? bei Frl. Bräsel, einer eben aufknospenden Rose die Du bisher noch nicht gesehen hast. Im Geiste sehe ich Euch, Jeder seinen Liebhabereien nachgehen. Ich erzähle Dir Nichts von ihr, mußt Alles sehen.

Ebenso möchte ich Dir gar Nichts von unserm lieben Kinde erzählen, von den kleinen, für uns so bedeutenden Fortschritten, komm selbst, sieh und freue Dich mit uns. Nach dem letzten Brief der Eltern erwarte ich Dich || eigentlich schon; die Speisekammer ächzte neulich, das deute ich als Vorspuck Deiner Rebellion in derselben. Führe Du nur die gemachten Vorschläge aus und hole Dir in den freilich noch etwas winterlichen Schluchten, neue frische Kräfte den neu gesteckten Plan zu verfolgen, über den ich nicht wenig erstaunt war. Ich denke

mir, Dir erscheint das Streifen in Amerikas Wäldern u. Bergen zu idyllisch, wo es doch in Wirklichkeit gewiß viel Schwierigkeiten usw. mit sich bringt. Aber daß Du doch mal eine frische Idee aus Deinem vermikroskopirten Gehirn ans Leben treten lassen willst, ist ein wahres Glück für Dich, mag sie sich nun in Amerika oder sonst wo verwirklichen, das gilt gleich viel, vielleicht ist es gar der Ottergrund. Entsinnst Du Dich desselben? Derselbe hat durch Auffindung einer jungen Bauernmädchens Leiche an Romantik bedeutend gewonnen. Wenn Dich Alles nicht lockt, thun es vielleicht die wiedererwachenden Molche. Karlchen grüßt Dich mir herzlich.

Deine Schwägerin Hermine.

[Nachschrift von Karl Haeckel]

Lieber Bruder,

Anliegendem Brief meiner Miesekatze füge ich blos die Ermahnung hinzu:

Dich ja nicht etwa einiger Collegia wegen vom Herkommen abhalten zu lassen.

Die Erholung wird Dir sehr gut sein und Du kannst ja schlimmstenfalls rasch wieder fort. Sei aber kein Pedant, dort zu bleiben.

Bitte, bringe mir ein Exemplar der Epistolae obscurorum virorum mit, das Du wohl bei einem dortigen Antiquar für ein Billiges erhalten wirst. Du darfst bis zu 10 sg. gehen. Ich will damit ein Geschenk machen.

Ade, alter Junge, grüße Bertheau herzlich. Auf baldige Nachricht hofft

Dein

treuer Bruder

Carl.

Schreib doch auf die Adresse

„über Schleiz zu senden.“

u. „Ziegenrück bei Poesneck.“

Deinen a Brief erhielten wir nach 5 Tag über Halle!

a gestr.: letzten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-03-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34022
ID
34022