Sethe, Hermine

Hermine Haeckel an Ernst Haeckel, Ziegenrück, 24. Januar 1853

Ziegenrück d. 24ten Januar

1853

Lieber Schwager,

Da ich nicht wieder Bruder sagen darf, weil sonst vielleicht wieder eine ähnliche Sprühteufelgeschichte aus Ziegenhügel passiren könnte. Die Geschichte ist köstlich, das Einzig Schlimme dabei war, daß Dua noch länger auf das Bischen Kuchen hast warten müssen. Du armer Schelm, hast mühsam genug das Fest und das neue Jahr zugebracht, das ist uns klar geworden aus Deinem Brief, wer aber die beiden räthselhaften Damen beim Professor Schenk waren mußt Du uns noch sagen, war die Eine vielleicht gar aus Kaffern? hoffentlich hatte Wilhelms Erziehung sichb noch nicht an ihr bewiesen, sonst sollte sie mir || leid thun. Was Du uns sonst von Deinem Leben, der Stadt u. s. w. schreibst, hat uns sehr interessirt. Wie sich Ersteres noch gestalten wirdc ist allerdings noch ziemlich dunkel, nach Deinem Briefe zu urtheilen, sei aber getrost, es wird schon helle werden, vielleicht so helle, daß wir Alle nicht hineinsehen können, ohne uns zu verbrennen. Kommst Du erst im März zu uns, dann wollen wir uns recht ausplaudern, ohne Zweifel weißt Du dann auch bereits mehrd wie jetzt.

Wir leben hier einen Tag so glücklich wie den Andern, sind öfter mit Doktors u. Haras zusammen, lesen mit Doktors Sonntag Abends Onkel Tom’s Hütte, in dem Dich einige ausgelassene schwarze Kinder amüsiren würden. Das Buch übrigens reizend geschrieben und interessirt uns ungemein.

Übermorgen giebt das Junggesellen-Mitglied unseres Kränzchens, der Kreisbaumeister Reissert, dasselbe bei der Gastwirthin Weise. Neulich haben wir uns einen neuen Tanz eingeübt, unter vielem || Gelächter, Karl war Tanzmeister. Überhaupt sind wir meistens recht vergnügt zusammen, was gewiß auch darin seinen Grund hat, daß lauter glückliche Menschen beisammen sind.

Hierbei erhälst Du den Brief von Adolph an Deinen Vater, den ich Dir mit dem besten Willen nicht früher schicken konnte da er in der Weihnachtskiste lag und selbige nur 1 Tag vor Ankunft Deines Brief uns zu Händen kam. Und was kam aus [der] Kiste: wie bei Dir Pfefferkuchen Tütene in Menge, Pflaumen, Zucker, Seife, Kafe, Chocolade war zu meiner großen Freude durch die liebevolle Fürsorge der lieben Mutter recht ansehnlich vertreten. Außerdem noch einige andere Geschenke von den Eltern, Großvater u. s. w. und 1 Riesenknäul von Tante Bertha, an dem ich sehr fleißig stricke, aber dennoch Nichts von Abnahme bemerke. Die Herrn sind Alle rasend neugirig auf den Inhalt.

Wie hübsch der Mensch sich etwas vormachen kann, hat Jeder Gelegenheit von Louis Napoleon zu lernen, der sich so erstaun-||lich viel Mühe giebt, sich klar zu machen, wie er rein aus Herzensneigung jetzt heirathe. Daß der Mensch aber nicht immer seiner Herzensneigung folgen darf, siehst Du an uns Beiden Leutchen. Wollten wir ihr folgen so gingen wir hier nie in die Kirche, da wir uns die Bibel ohne Stottern vorlesen können, und uns besser erbauen als in der Kirche, wo ich gestern fast Nichts gehört habe, alsf die Danksagung für ein 2 Groschenstück, das am vergangenen Sonntag im Klingelbeutel sich gefunden hat. –

d. 24sten. Die Nacht hat es stark gefroren und jetzt schneit es immerfort, so daß wir am Ende doch noch Winter bekommen. Nachmittag bin ich zum Kafe in der Lämmerschmiede, werde dabei wohl das Abstechen aus dem Hochofen sehen. Seit 3 Wochen nämlich ist der Hochofen am Brennen, worin sie selbst jetzt das Roheisen schmelzen. –

Karl läßt Dich recht herzlich grüßen, ich natürlich auch. Karl bittet Dich trotz des Umsattelns Dir ja zu überlegen, ob Du nicht den Sommer noch in Würzburg bliebst, sofern dort gute Kollegien seien. –

Adolph schrieb neulich an Karl, daß er bei seiner Rückkehr im April oder Mai uns besuchen wolle. Nun ade, lieber Ernst, halte Dich recht tapfer, denke oft an uns und schreibe bald wieder einen so netten Brief. In herzlicher Liebe

Deine Hermine.

a eingef.: Du; b eingef.: sich; c eingef.: wird; d eingef.: mehr; e korr. aus: Tütten; f gestr.: ein; eingef.: als

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-01-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34020
ID
34020