Sethe, Hermine

Hermine Sethe an Ernst Haeckel, Frankfurt (Oder), 15. Februar 1850

Frankfurt d. 15ten Februar 1850

Lieber Ernst!

Hätte ich mir nicht ein Buch für alle Geburts- und besondern Familientage eingerichtet so wärea mir der 16te, als Dein Geburtstag ganz ohne Alles erinnern vorüber gegangen, da ich mir ganz fest einbilde, Du seiest erst am 26sten geboren. Ich denke aber der liebe Herr Bruder werden mir verzeihen, gelt alter Junge, und auch meinen recht von Herzen kommenden Glückwunsch liebevoll aufnehmen, wenn er auch leider durch meine Schuld etwas später kommt. Weißt Du wodurch Du mich noch besser an Dich denken machen kannst? wenn Du Dein Versprechen hältst und recht oft an mich, an Deine Dich herzliebende Schwester schreibst. Ja, ja das thue, versprichs und ich werde dann nächstens recht hübsch zu rechten Zeit denken, daß am 16ten Februar || Familie Häckel ihres jüngsten Sohnes Geburtstag feiert und zwar wie auch hoffentlich b dieses Jahr in Beisein meines Karls. In dieser Voraussicht lege ich einen Brief an Karl mit ein; sollte er aber schon wieder fort sein, so schicke ihn wohl nach. Deiner Mutter werde ich auch recht bald schreiben, jetzt komme ich nicht mehr dazu. Grüße sie so wie den lieben alten Papa aufs allerherzlichste von ihrer Tochter.

Haben Dir neulich nicht die Ohren geklungen, da sprachen wir von Deinem Doktor Beruf und Deiner Lieblingsidee, des Naturreisens. Ich hatte doch Recht, wenn ich sagte, Du würdest sehr wahrscheinlich wohl das Erste ergreifen, wenn Du auch lieber Naturforscher würdest. Wenn ich aber denke wie lange Zeit Du dann immer fort sein müßtest, ohne Dich zu sehen, das würde der kleinen, jungen Familie Häckel || doch sehr eigen vorkommen; freilich aber könntest Du dann aber auch nach zurück gelegter Reise an traulichen Winterabenden von all Deinen interessanten Reisen erzählen und uns vergessen machen, daß wir nicht in solch schönen Gegenden wohnen können.

Die ganze Frankfurter Weltc spatzirt jetzt womöglich täglich zur Oder, die bis zu 12 Fuß gewachsen ist, ohne daß Katzbacher und eigentliche Oderwasser, was uns also noch bevorsteht. Das Eis war neulich los gegangen setzte sich aber plötzlich vor der Brücke und zwar so fest, daß d alle Versuche es wieder ins Treiben zu bringen witzlos waren. Der Strom hat sich einen Weg gebannt, hat das leichte Eis der überschwemmten Wiesen gesprengt und kommt nun von der Seite mit solcher Gewalte gegen das letzte Joch der Brücke, daß dasselbef immer während hin und her gerüttelt wird, und man fürchtet daher vorzugsweise für dieses Joch. Morgen sollen Pionire aus Küstrin versuchen was sie beim Eis ausrichten. || Von Berlin und speziel von Tante Bertha kann ich Euch Nichts mittheilen, da ich lange Nichts gehört habe, ich vermuthe und hoffe daher das es dort gut geht.

Mutter, die Geschwister, auch Vater lassen Dich bestens grüßen und gratuliren. Von mir so wie von uns Allen die herzlichsten Grüße an Deine Eltern.

Und ich bitte nochmals um einen baldigen Brief mit versöhnender Nachricht.

Leb wohl, lieber Ernst und behalte Karls Mimmi lieb.

Sollte Karl diesen Brief sehen, so werde [ich] gewiß nächstens wieder ein Strafkapitel, von wegen der vielen ausgelassenen Worte bekommen, nur gut wenn [man] etwas davon weiß, so kann man sich darauf vorbereiten.

Kennst Du Fritz Gillet? Du würdest Dich amüsiren über das übrigens ganz glückliche Brautpaar, wie sie so enorm zärtlich miteinander sind, daß sie es selbst in Conzerten und Gesellschaften nicht lassen können. Im Mai heirathen sie, die Glücklichen und bleiben hier wohnen.

a eingef.: wäre; b gestr.: wie; c eingef.: Welt; d gestr.: es; e eingef.: mit solcher; f eingef.: selbe

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1850
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34018
ID
34018