Sethe, Hermine

Hermine Haeckel an Ernst Haeckel, Freienwalde, 14. Februar 1858, mit Nachschrift von Karl Haeckel

Freienwalde 14 Februar | 1858

[kol. Lithographie: Dame mit Pfau und Bildunterschrift]

Mein lieber Ernst!

Warte Du, haben meine Vorstellungen so wenig genutzt, Herr Doktor, daß Du Dich nicht hast überwinden können, dasa Vorurtheil gegen das schöne Geschlecht mit Stumpf und Styl auszurotten, so bist Du es auch gar nicht werth, daß ich Dir einen Gratulationsbrief schreibe. Ist aber so etwas wohl schon dagewesen, seinen Neffen schreibt er eigenhändig einen Brief und seineb kleinec Nichte ignorirt er gänzlich, nicht mal ein Gruß bestellt er; von einem Kuß kann wohl von vorn herein keine Rede || sein. Was wird aber das holde Wesen hier dazu sagen? Denke Dir, wie wunderlich; ich will Papier nehmen und stoße auf dies Blatt; das muß Ernst bekommen weil mir dabei gleich Folgendes einfiel: Du willst doch mit großer Sehnsucht ausländische Reisen machen, dieser d Strauß e nun ist ein ausländischer Vogel, ebenso diese zarte Jungfrau, der Du, sobald Du ihr begegnest nicht wiederstehen kannst.

Ich hielt es daher für sehr angemessen Dir dieses Bildchen zu Deinem Wiegenfeste vorzuführen. Werde nicht ärgerlich, lieber Schwager, sieh mal herauswerfen darfst Du mich nicht, zerreißen auch nicht den Brief, denn Du mußt ihn zu Ende lesen, weil am Ende noch sehr et-||was Nettes kommt.

Nun aber will ich Dir schönstens gratuliren, als einem Glückskind dem es gewiß gut gehen muß, aller guten Dinge sind 3 und ich kann Dir heute zu 3malen Glückwünschen. 1. für glücklich überstandene Pocken. 2. für beendete 3te Station und endlich 3. zum Geburtstag, der Dir ein recht befriedigendes Jahr bringen möge.

Den Leuchter, den Dir Anna von mir geben wird, bitte ich in Deiner Stube zu gebrauchen. Du siehst Deine Lieblings Thiere darauf vielfach vertreten, es sind aber absonderliche Dinger, die Du mikroskopisch untersuchen mußt, weil sie einmal hie und da Auswüchse haben, die gewöhnliche Krebse nicht haben; Dann pflegen Letztere immer rückwärts zu gehen, meine aber nicht; betrachte sie genau, da wirst Du || finden, daß sie durch ihr rückwärts Kriechen sich gegenseitig vermöge natürlichen Anstoßes doch f zum Vorwärtsbewegen nöthigeng. Also Vorwärts, untersuche wo in den Biestern diese neue Kraft sitzt, und wenn Du eine gekrönte Preisschrift darüber geschrieben hast, will ich Dir die Hälfte des Krönungspreises großmüthig überlassen, die andere Hälfte schenke ich Dir zum nächsten Geburtstag, davon kannst eine Reisekasse anlegen.

Unser Annchen ist sehr fidel heute gewesen, ebenso wir Andern; ich würde es noch mehr sein wenn Karl wohler wäre. Der ist nämlich mit einer ganz tüchtigen Erkältung wiedergekommen. Seit vorgestern hat er Hausarrest, weil er ganz krampfhaften Husten hat und sehr heiser dabei ist. Gebe Gott, daß er es bald los wird! Er selbst ist ganz munter dabei. – Grüße die Eltern bestens; der Mutter danke ich für den lieben Brief von heute und schicke Butter mit. Beifolgende Wurst laßt Euch gut schmecken, muß aber gleich gegessen werden, weil es frische Wurst ist. Die Bratwurst muß lange bratenh, weil es – das Fleischi – leider etwas ältlich ist. (Das ist das versprochene Nette!)

Ade, alter Junge, behalte mich lieb. Von Herzen Deine Schwägerin

Hermine.

[Nachschrift von Karl Haeckel]

Blühender Unsinn! Versteh’s wer’s kann!!!

a korr. aus: diese; b korr. aus: seiner; c korr. aus: kleinen; d von Karl Haeckel eingef.: sie meint: Pfau!; e von Karl Haeckel eingef.: ??! f von Karl Haeckel eingef.: zum; g von Karl Haeckel eingef.: nöthigen; h von Karl Haeckel eingef.: braten; i von Karl Haeckel eingef.: das Fleisch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34001
ID
34001