Haeckel, Karl; Haeckel, Hermine

Von Karl Haeckel, Freienwalde, 6. Mai 1857, mit Nachschrift von Hermine Haeckel

Freienwalde 6 Mai 57.

Lieber Ernst!

Ich habe Dir auf Deine a Zeilen von Mitte April noch nicht ordentlich geschrieben. Seitdem ist nun schon der erste Brief aus Wien, der uns Deinen Aufenthalt in Prag schildert, in unsre Hände gelangt. Es freut uns recht, daß Dir‘s auf der Tour so wohl gegangen ist. Prag muß doch herrlich sein. Alle alte Reiselust weckt in mir wieder auf. Doch werde ich sie mir vor der Hand vergehen lassen müssen. Grieben reist wahrscheinlich ins Bad, da muß ich zu Hause bleiben; auch aus andern Gründen! Der Geldbeutel will in diesem Jahre erst auprobirt sein, wie weit er, auch ohne Reisen ausreicht. Das sommerliche Leben hat für mich in so fern schon begonnen, als seit 4 Wochen ein Referendar da ist, mit dem ich viel verkehre, disputire, repetire pp. Es ist das für den Freienwalder Richter die Zeit der geistigen Wiederauffrischung u. muß in dieser Hinsicht gehörig benutzt werden. Der Referendar Brecht ist ein gescheiter u. durchgebildeter Mann (Bekannter des Kreisrichters Zahn in Ranis, alter Fürstenthaler b in Halle gewesen), der jus u. Schopenhauer‘sche Philosophie, für die er sehr eingenommen ist, treibt. Der arme laborirt leider an einem durch eine Sehnenzerreißung (?) geschwächten Fuß u. an den Folgen einer Sehnenschalenentzündung des rechten Arms. – Auf den Spaziergängen, – die ich da Brecht nicht weit gehen kann, noch meist allein mache – fange ich an, etwas Heu zu sammeln u. nach Deinen kleinen Botanischen Büchern (Kürin u. Kreppe) zu bestimmen, so gut es geht. Ich habe bereits 3 Anemonen (nemorosa, ranunculoides, u. hepotica), caltha palustria, pulmonaria, ein equisetum pp eingelegt; will aber mir gestehen, daß ich sie nicht hätte bestimmen können, wenn ich nicht von einigen den Namen schon wüßte! – Mies u. die Kinder sind leidlich munter. Annchen wird heute geimpft. Wenn‘s nur erst ordentlich warmes Wetter würde! Wir haben dieser Tage recht kalte Nächte gehabt u. bei Tage auch meist nur 5–6°.

Unser Halb-Gärtchen, in dem wir eine neue Laube errichtet haben, haben wir daher erst wenig benutzen können. || Von vorigen Montag bis Donnerstag war ich in Berlin, um Krüger‘s zu sehen. Ich fand ihn verhältnismäßig sehr gut aussehend. Er hatte den Winter glücklich überstanden, gute Einnahmen gehabt, u. geht guten Muthes nach Trebnitz. Die Ziegenrücker haben sich herzlicher beim Abschied gegen ihn benommen, als er gedacht hat. – Sie kam auf 2 Tage mit hier her u. besuchte Mimmi. –

Mutter Minchen hat sich in Berlin ein Quartier ausgesucht, u. wahrscheinlich eines am Hafenplatz genommen. Die Aeltern haben bei Reimer‘s gemiethet. So lange Du in Berlin bist u.c mit der Charité u. Universität zu thun hast, ist die Wohnung recht gelegen. Wie es später werden wird, muss man abwarten.

– Herzlichen Gruß, alter Junge, u. die Bitte immer so hübsch ausführlich zu schreiben, von Deinem Karl.

Esmarch wird Dich vielleicht zu Pfingsten aufsuchen.

[Nachschrift von Hermine Haeckel]

Lieber Ernst!

Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich nur die herzlichsten Grüße für Dich zuschreibe, die Dich hoffentlich ganz frisch und munter in Wien antreffen werden. Wir sind Gott sei Dank Alle wohl, die Kinder auch sehr vergnügt, klein Anna gedeiht bei der Flasche ganz prächtig d. h. bei Flasche u. Brust. Über Deinen Brief haben wir uns sehr gefreut, die Eltern werden uns die Übrigen auch mittheilen, schreibe also diese nur recht ausführlich und an uns nicht, wir erfahren ja dann doch von Dir, und wissen auch daß Du an uns denkst. Schaffe nur besseres Wetter, daß ich die Kinder fleißig heraus bringen kann, jetzt ist es hier immer recht kaltes, unfreundliches Wetter. Sei recht vergnügt und heiter, vergißt dabei aber uns Sandbewohner nicht.

In herzlicher Liebe Deine

Hermine.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
06-05-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34000
ID
34000