Sethe, Wilhelmine (geb. Bölling)

Wilhelmine Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 21. Februar 1864

Berlin d 21t. Feb. 1864.

Mein lieber Ernst!

Wieder fern von Dir, sind meine Gedanken doch stets bei Dir. Ich umfaße Dich mit all meiner Liebe und Theilnahme und beklage mit Dir, Deinen unendlichen Verlust der Dich, der uns alle betroffen! Ach Ernst glaube mir, ich fühle mit Dir, Dein ganzes Weh, verlange nicht, du sollst es verbannen, das kann ein innig liebendes Herz nicht, und verlangt auch nicht der liebe Gott, der uns, solch großes Leid geschickt. Des Herrn Wege sind wunderbar, und uns kurzsichtigen Menschen unverständlich, und dereinst klar werden, warum.

Aber lieber Ernst, der liebende Vater schlägt seinen Kindern keine Wunden, die er auch nicht hülft uns heilen, er verläßt uns nicht, wenn wir ihn suchen.

Und so laße ihn uns suchen || mit der ganzen Innigkeit unsers Herzen, den alliebenden Vater, daß er das unendlich große Leid zu unserm Besten gereichen laße, und daß er unser Seelenleben mit der Dahingeschiedenen lebend erhalte.

Mein größter Trost, bei meinem gleichen Verlust, ist mit geworden, in der sichern Überzeugung, daß der Verstorbenen geistig mit mir fortlebt, und habe mich dann befleißigt, so zu leben, wie ich überzeugt war, daß er es billigen würde. Und so mein lieber Ernst laß uns das Andenken an unsere liebe Anna so ehren, immer ihrer in Liebe gedenken, so sein und handeln, daß wir glauben dürfen, sie sieht mit Freude auf uns hernieder.

Und wie schön ist die Verheißung der Auferstehung, das Wiedersehn Jenseits, wo wir uns nie wieder trennen sollen.

Halte fest an diesen Glauben, laße ihn Dir durch nichts rauben, er wird Deinen Schmerz lindern und läutern, und der liebe Gott wird Dich || stärken, das unvermeidliche nämlich tragen.

Ich theile redlich Deinen Schmerz der so gerecht ist, habe noch kaum an mich selbst gedacht, die ich doch ein liebes Kind verloren, so bin ich ergriffen von Deinem Verlust. Je länger ich Zeit habe je mehr Ruhe ich gewinne, wird mir mein eigner Schmerz erst klar werden, aber ich will ja gern tragen, wenn ich dich dadurch beruhigen könnte.

Ach lieber lieber Ernst, wenn ich es nicht immer schon gewußt wie ihr glücklich wart, ich müßte es jetzt glauben, wie ich es dort gehört. – Und ich danke es Dir aus voller Seele, wie Du mein liebes Kind so beglückt. Ja mein lieber Ernst, so recht aus dem innersten Herzen denke ich Dir, und erflehe Dir vom Himmel die bestmögliche Tröstung. Die kann Dir aber keiner geben, die muß aus Deinem Innern hervorgehn, und daß der liebe Gotte Dir helfe Dich in das Unvermeidliche zu fügen.

Ich kann nur mit Dir klagen und weinen, habe ich doch so unendlich glücklich und treu geliebt, und mich des reinsten Glückes erfreut, und wenn ich Alles auch länger genossen, so bleibt der Verlust derselbe || das wirst du erst später erfahren was es für ein unendliches Glück ist, wenn wira mit voller Liebe und Achtung eines Dahingeschiedenen gedenken können! Ach die Gegenwart sie ist so kurz, was wäre diese kurze Spanne Zeit, hätten wir nicht die Erinnerung, und die Aussicht auf eine schöne, sichere Zukunft.

Dies wirst Du Alles noch nicht erkennen, du hast nur noch Gedanken für Deinen Verlust, für Dein beseßenes, so früh verlorenes Glück, aber die Zeit wird kommen, daran halte ich fest, und das ist mir die beste Bürgschaft für Deine Tröstung.

Geh nicht zu früh von dannen, einmal ehe Du so weit gekräftigt bist daß wir Dich ohne Sorge können reisen lassen, und andern Theils, gehe nicht eher, bis Dir die lieben Räume die Dir durch Annas Walten so lieb geworden, auch ohne sie lieb und theuer sind, wenn auch mit unendlichen Schmerz gepaart. Aber auch der Schmerz hat seinen Wonnen, wenn Du erst mal fort gewesen, Du wirst Dich sehnen, wieder hin, wirst nirgend lieber weilen, als da, wo sie geweilt. Du kannst nimmer Deinem Schmerz || entlaufen, er geht überall mit Dir, und je mehr Du Dich jetzt gewöhnst, um so leichter wird Dir das Wiederkommen.

Und wo könntest Du Dich wol besser zurecht finden, als bei Deinen lieben Ältern bei solch lieben, bewährten Freuden die Dir so treu so redlich tragen helfen.

Ach lieber Ernst, werde es recht dankbar inne, was Du in Deinen Freunden einen Schatz besitzt, wie wol selten einem zu Theil wird.

Wie mancher armer Erdensohn wird schwer geprüft, ohne solch liebe Theilnahme um sich zu haben die mit uns tragen und leiden. Dein guter Vater Sethe, sagte immer, „man muß sich nie so ausschließlich seinem Schmerze hingeben, Thätigkeit und die treue Erfüllung seines Berufs muß uns wieder auf den rechten Weg bringen.“ Und das ist gewiß wahr, Du wird es bald erkennen.

Gehe recht viel in Annas Stube mache dich vertraut mit ihren Lieblingsplätzen, sie ist sicher bei Dir mit ihrem Geist, und bittet Dich ihrer in treuer ruhiger Liebe ihrer zu gedenken. ||

Aber ich habe schon so viel gesagt, und doch scheint mir’s nichts zu sein, so voll ist mir das Herz.

Es ist mir ein großer Trost daß ich bei Dir war, wenn ich mein liebes Kind auch nicht mehr habe sehen können, aber ich habe dich gesehen, habe Deinen Schmerz theilen können Dich mit pflegen dürfen. Wie gern wäre ich länger geblieben, wenn es Dir oder den Ältern hätte von Nutzen sein können.

Gottlob daß ich Dich mit mehr Ruhe habe verlaßen können, es wird ja immer besser werden, und hoffe von Deiner Mutter recht bald etwas darüber zu hören.

Hoffentlich findet sich ein Reisegefährte für Dich, der so recht passend auch für Dein Gemüth, das wünsche ich sehnlichst und wäre mir ein rechter Trost.

Wir haben die Reise glücklich zurückgelegt, und Alles wohl gefunden. Helene geht es gut auch dem Kindchen sie, so wie Alle grüßen Dich und die Ältern bestens.

Auch die Weiß die gleich kam, grüßt bestens.

Der 25t. ist der schwere Tag für meine arme Schwester, den werde || ich noch eher mit ihr verleben und dann nach Frankfurt zurück. In Potsdamm geht es leidlich, so daß auch Berthas großer Wunsch, der Geburtstag des Vaters in alter Weise gefeiert wird.

Klein Julius Fuß ist bald geheilt und muß dann zurück.

Und nun adee mein lieber, armer Ernst, sei meiner innigen Liebe gewiß, und laß uns gemeinsam tragen mit Ergebung, was der Himmel uns auferlegt.

Deine treue arme Mutter.

Eben erhalte ich einen Brief von der Lobedan die Du ja im Herbst hast kennen lernen, ich lege ihn bei, eben so von Adolph Schubert.

Von meinen fernenb Kindern habe ich noch nichts gehört, sollten dort Briefe ankommen, schickt mir solche doch.

Alles gedenkt Deiner mit großer Liebe und Theilnahme.

Deinen lieben Ältern und Freunden einen herzlichen Gruß.

a eingef.: wir; b eingef.: fernen

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
21-02-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33869
ID
33869