Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 30. August 1852

Berlin 30/8 52.

Abends.

Lieber Ernst!

Wenn ich auch weiß, daß meine Briefe a so gut wie für die ganze Häckelei sind b deren einzelne Mitglieder an ihres Theils auch freilich schlecht wegkommen würden, es wäre so als wenn man einen Krammetsvogel in Achtel theilen wollte, aber es ist doch nun einmal nicht anders; mein einsames stilles Leben ist so arm an Begebenheiten und Erlebnissen, und ich selber bin am Ende noch ärmer; also ich möchte Dir erstlich recht besonders bedanken für Deine treuen Berichte, und dann möchte ich Dir gern auch ein Mal sagen, was ich wohl schon oft mit Händedruck und Blick ins Auge ausgesprochen habe. Sei nicht bange, daß ich mit Ermahnungen und einem langen Sermon Dich langweilen werde, ich hoffe nicht, aber es liegt mir so sehr am Herzen, daß Du zu Ruhe und Freude in Dir kommst, über das, was Dir Gott auferlegt hat. Halte Dich wach und Deine Augen offen, daß Du erkennen mögest, was nun eben Gottes Wille an Dir durch diese Schickung ist; und sieh, ich hätte da gleich, mancherlei Art, was für Dich, ich glaube aber immer, Du gibst sie Dir selber, meine ganze Aufgabe dabei ist es, daß Du wieder fester in Dir werden möchtest. Nicht wie || ein leichtes Rohr von jedem Winde hin und her bewegt, sondern wo es Dir an fehlt, ein selbständig ausgeprägter Charakter, das sollst Du werden, durch dieses, was Dir nun auferlegt ist. Das halte fest, und eigne es Dir so an, daß Du es eben in Dein Leben und Sein aufnimmst. Das ist nicht Feststehen in Gott, und Alles sein unter sich, und das was man soll, wenn wir gleich umgeworfen sind, und nicht wissen was wir sollen, wenn es nur ein Mal anders geht, als wie wir dachten. So wie es geht, so ist es das Rechte, und wenn es uns auch wohl oft nicht klar werden will, wenn wir nur auf Gott, als den Vater der Liebe bauen, dann sehen wir es doch eher ein, als wir dachten, daß Seine Wege, die Er uns führt, doch die allein wahren und rechten sind. Und so, mein alter lieber Junge, sei stark und männlich, schaue um Dich u. in Dich, wie viel Segen, wie viel Köstliches hat Gott Dir gegeben, und Du willst nun in dieser Zeit der Prüfung gleich verzweifeln, u. immer halte die Zuversicht fest, und hoffe auf Ihn, Er wird es wohl machen, wenn sie vorüber ist die Zeit der Prüfung, Du wirst sie noch segnen viel tausendmal; das sind die Mittel, deren Gott sich bedient, auf daß wir lernen uns selbst verleugnen, stark c in der Liebe und treu werden an Ihm, dessen Eigenthum wir sind; so schlage denn ein in meine Hand und versprich es mir, daß Du künftig sein und verbunden sein willst an Dir, dann wird die Friede Gottes Dein Theil sein. Habe

lieb Deine alte Tante Bertha.

a gestr.: an Di; b gestr.: die freilich so; c gestr.: werden

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-08-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 33663
ID
33663