Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 15. Februar 1850

Berlin 15/2 50.

Mein lieber Ernst!

Wenn ich Dir auch nur kurz und flüchtig schreiben kann, so muß ich Dich doch mit wenigen Worten zu Deinem Festtage begrüßen. Gott sei mit Dir, und gebe Dir Kraft und Muth alle Deine guten Vorsätze durchzuführen, vor Allem immer die Sicherheit über Dich selbst, daß Du reiner Deines Genusses werdest, und das abstreifst, was Dich so sehr an Deiner inneren Entwicklung hindert. Doch müßtest Du am ersten damit anfan- || gen, Dich selbst zu vergessen, und dann Dir mehr leben zu können. Ich denke, Du verstehst mich, ich will es nicht Selbstsucht nennen, und doch ist es ein gut Theil davon, was Dich nicht zu dem kommen und werden läßt, was in Dir liegt, und wozu Du volle Gaben hast. Ich muß Dir das sagen, weil ich Dich so von Herzen lieb habe, und ich weiß auch, daß Du dessen gewiß bist, und meine Liebe doch darin erkennst. Wie gern || will ich Dir helfen wo ich kann, mir sind nur leider jetzt fast alle Fäden abgeschnitten, die mich hier an das Leben und den Verkehr von und mit Andern a binden, aber ein warmes liebes Herz, ein tiefes Empfinden in inniger seliger Liebe habe ich doch mit meinen Lieben, wenn Gott mir auch Alles genommen und versagt hat, was uns mit so innigen, lieblichen Banden hier an das Leben knüpft, die geistige Gemeinschaft, die herzinnige Liebe, die hier die aneinander knüpft, die eines sind in Gott durch Christo, die kann mir nicht genommen werden, die ist und || bleibt unser köstliches Erbtheil; in der halte auch Du mich fest, und in der Auß uns Alles lebe, tragen b und schaffen, was hier von uns gefordert wird, und was sich durch uns, in uns und an uns offenbaren soll.

Gott segne Dich.

Deine alte treue

Tante Bertha.

a gestr.: knüpf; b gestr.: sch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1850
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 33660
ID
33660