Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 3. April 1849

Berlin 3/4 49.

Mein lieber Ernst!

Das kleine Buch, was ich Dir hier mitschicke, sollte Dir sagen, was ich für Dich auf dem Herzen habe; vielleicht kann es auch das viel besser, ist es doch geschöpft aus der unaussprechlichen Fülle der göttlichen Offenbarungen, aus denen immer und immer wieder, uns Trost, Kraft und Erhebung zufließt. Aber ich muß Dir auch noch meinen besondern Liebesgruß senden. Wie gerne wäre ich an Deinem Festtage bei Dir, könnte ich nur, wie gerne ginge ich mit Euch Lieben zum Abendmahl, ach welche reiche Fülle an Kraft und Trost würde ich mir da holen, aber so ist mir das Alles versagt, und ich kann nur mit meinem heißen und innigen Gebete bei Dir sein. Gott wolle Dir herrliche Freude, reichen Segen und seligen Frieden in Deine Seele geben, auf daß Du tüchtig seist und bleibest. Das Ja, was Du an heiliger Stätte aussprichst vor Gottes Angesicht, zur That und Wahrheit werden zu lassen; zur lebendigen That, daß Du fortan alle Deine Werke in Gott thust, || zur Wahrheit, daß alles in Deinem innern Sinn und Wesen so durchdrungen sei von dem, was Christus in Dir lebt, daß in Allem eben sein Leben in Dir offenbar werde.

Für mich ist Deine Einsegnung noch ein besonders ernster, feierlicher Tag. Ich habe für Dich, als du noch Kind warst, vor Gott gelobt, Dich ihm und dem Leben in Christo zuzuführen, wenn wir nun im äußern Leben auch fast immer getrennt waren, so habe ich doch oft zu Gott gebetet, daß Er mich für Dich erhören möchte, habe wohl danach gestrebt, Dir durch meinen Sinn und Wesen den Eindruck dessen zu geben, was von Christo in mir lebt, denn ich nähere mich dessen, weil ich es von Gott habe, ich nähere mich dessen, weil mir daran meine eigene Schwachheit und mein Unvermögen am meisten offenbar wird; ich weiß auch, daß Du in dieser Beziehung mich erkannt, und em-||pfunden hast, ich habe es Deinem ganzen Wesen mit mir durchgefühlt: Jetzt soll ich nun die Zuversicht haben, daß Christus angefangen hat in Dir Gestalt zu gewinnen, daß all Dein Leben u. Sein, in Gott, mit Gott gelebt sein soll. Du sollst nun selbstständig für Dich das Ja wiederholen, und bekräftigen, was ich damals für Dich gesprochen habe.

Ich weiß es, mein lieber Ernst, daß Du es aus Deiner wärmsten Seele heraus, in heiliger ernster Wahrheit sprechen wirst, weil es eben in Dir Wahrheit ist.

Aber sieh‘ ich kann noch nicht von Dir lassen, sondern jetzt fühle ich mich noch mehr zu Dir gezogen, weil nun unser a Arbeiten und Wirken ein gegenseitiges wird, weil wir auf einem Grunde miteinander stehen, auf dem gebaut, wir die herrliche und köstliche

Behausung im Geiste und in der Wahrheit seien. So halte denn fest an mir, wie ich an Dir, auf daß das || Band immer fester und inniger werde, was uns beide an einander knüpfet.

Gehe frisch und muthig ins Leben hinein, werde ein treuer Haushalter b über die Gaben, die Gott Dir gegeben, und wie Du Ihn schon erkennen und lieben gelernt hast in seiner wundervollen Schöpfung, so möge Er immer und mehr sich in Dir offenbaren und verherrlichen.

Gottes reichen Segen über Dich, Freude mit Euch Lieben Allen und mit

Deiner treuen Tante

Bertha, die

Du lieb haben mußt

auch wenn der Tod sie heim-

gerufen: denn die Liebe

hat den Tod überwunden.

a gestr.: gegenseit; b gestr.: so

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-04-1849
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 33659
ID
33659