Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, [Berlin], ca. 10. – 16. Dezember 1853

Mein lieber Ernst.

Im Gedanken und im Herzen habe ich geschrieben, und schreibe so viele Briefe; aber wie ich so lange gebunden gewesen bin durch körperliches Leiden und Schwäche, so wollte es auch zu gar keinem Schreiben kommen. Wenn ich mich auch noch immer nicht so erholt habe, wie ich es wohl möchte, so kann ich doch nun wenigstens wieder etwas schreiben; und so sitze ich denn in einer stillen Stunde in meiner Krankenstube und lasse die Feder zu Dir spazieren. Mir ist es recht eigen, daß ich Dir so lange nicht geschrieben, und doch habe ich mich grade mit Dir so vielfach in mir beschäftigt. Dir macht die Gestaltung Deines Lebens usw. so vielfach zu schaffen, und Du kannst darüber mit Dir nicht in‘s Reine kommen, das ist mir leid, denn ich finde es fast das Hemmendste für unsre ganze Entwickelung, wenn wir über uns, und das, was wir sollen und können im Un-||klaren sind. Wenn ich irgend nur etwas dazu beitragen könnte, Dich über Dich und Dein Sein und Wesen in‘s Reine zu bringen, so sollte mir ja keine Arbeit zu schwer sein; ich habe Dich nicht allein von Herzen lieb, sondern trage ich Dich in der Liebe im Herz, die da nimmer müde wird, und die Alles trägt, glaubt, hofft und duldet, in der Liebe, die uns Christo in sich offenbart hat. Er dessen ganzes a Sein der Ausdruck seines Gehorsams gegen Seinen himmlischen Vater war; dem nachzustreben, auch an uns die Forderung gestellt ist, und der wir auch genügen können, so wir nur uns selbst überwinden, uns verleugnen in Allem, was in uns wider Gott und das Leben in Ihm und aus Ihm ist. Und siehe das ist es, wohin ich Dich haben möchte; Du verarbeitest Dich zu sehr in Deine Eigenheiten, Fehler usw., und deren sind nicht wenige; statt daß Du wohl sie klar erkennen, und ihnen mit der ganzen Kraft Deines inwendigen Menschen entgegenarbeiten sollst, aber dabei und hauptsächlich, mit Dank, mit kindlichem, einfältigem Danke, das reiche köstliche Pfund, das der Herr Dir gegeben hat, anerkennen sollst, und es hegen und pflegen, mit Allem, was Du bist und lebst in Dir mehr und mehr entwickeln und wuchern lassen sollst. Wenn Du Dich mit der vollen Kraft Deines innersten Wesens darauf wirfst, so kannst Du gar nicht dazu kommen, auch nur über Deine Fehler usw. nachzudenken, geschweige gar sie irgend wie aufkommen zu lassen. – Ich meine das einfach so: treibe doch Deine Studien ruhig fort, und wie leicht wird Dir das, denn welch einen Reichthum hast Du in Dir von Gott dazu bekommen, Nicht allein, daß sich Dir bestimmt und klar ein innerer Beruf zu einer Wissenschaft gebildet hat, sondern neben all der köstlichen Gabe dazu, ist Dir ein so recht müheloses, köstliches Streben danach gegeben, daß Du ja nur zuzufassen brauchst, und es fällt || Dir zu, was Deinem ganzen Wesen eigenthümlich ist. Also studiere doch ruhig weiter, lege in Alles, was Dir geboten wird Dich mit Deiner ganzen Individualität hinein, und wenn Du dann die Fülle des Neuen und Herrlichen in Dich aufgenommen hast, verarbeite es, und bringe es mit den schönen Kräften und Gaben in Dir immer mehr zur Klarheit und Leben. Wenn Du so in Dich aufgenommen und verarbeitet hast, dann wird Dir Gott, dem Du kindlich Dich und die Entwickelung Deines Lebens unnd Wirkens anvertraut hast, dann wird Dir Gott schon den rechten Weg zeigen, und Dich in die Bahn leiten, die Er Dir geordnet und geebnet hat. Erkenne es doch dankbar und froh an, daß Du von Gott in b solche Verhältnisse gestellt bist, die Dir nur förderlich für Deine Eigenthümlichkeit geworden sind. Du hast Eltern, die Dich mit einer Liebe tragen, wie sie selten Kindern c wird; sie hemmen Dich in keiner Weise in Deinem innersten Sinn und Wesen, sie haben die äußern Mittel und wollen sie Dir geben, um Dich in Deiner ganzen Eigenthüm-||lichkeit zu entwickeln, und Alles was Dir an Talent, Anlage, Trieb und Hang gegeben ist, in Dir zu fördern und zu pflegen. Nun so thue das, benutze das, wie und wo Du kannst, und wenn Du dann in Dich aufgenommen, und es in Dir zu Sein und Leben geworden ist, dann muß es auch aus Dir heraustreten, und eine Gestalt annehmen, und sich zur äußeren Darstellung bringen; sei es nun als Doktor (praktischer Arzt?!) oder als Naturforscher, in welcher Form Du nun willst, oder als Lehrer, oder als Apotheker, oder als Kräuterfrau, oder als usw. usw. was es denn alle ist, was Deine Phantasie, oder vielmehr die Phantasie Deines verkehrten Ichs Dir ausmalt.

den 14ten

Wieder eine Zeit ist vergangen, ehe ich zur Vollendung dieses Briefes kam, und jetzt kann ich Dir zu Deiner neuen Würde als Onkel Glück wünschen. Ja ich bin recht mit meinen Gedanken bei Dir gewesen, wie Du Dich gefreut hast habe ich tief mit Dir empfunden, denn ich weiß es ja, wie lieb Du die Geschwister hast. Heute hat sich trüber Schatten, über unser Aller Freude gelegt, aber ich hoffe bestimmt, daß wir morgen gute Nachrichten bekommen werden, wenigstens war es ja nach dem Briefe Deiner Mutter schon so viel besser, daß wir allen Grund haben dies für morgen zu hoffen, ich will darum diesen Brief auch erst morgen abschicken um Dir gleich die morgenden Nachrichten mitzuschicken, denn sonst möchtest Du doch zu lange in Regen unnd Draufe sein.

den 16ten

Gestern sind ja recht gute Berichte über unsere liebe Mimi eingelaufen. Sonntag war sie erkrankt, die Nacht hatte sie aber recht gut geschlafen, und am Montag || Mittag hatte der Arzt sie recht gut und am Dienstag früh ganz fieberfrei gefunden, so daß wir gewiß allen Grund haben das Beste zu hoffen. Heute soll nun aber auch bestimmt der Brief fort, und Dir zu gleicher Zeit einen herzinnigen Gruß zum Feste bringen, das Du nun dies Mal wieder allein zubringen wirst; mein lieber Ernst, ich weiß keinen besseren Gruß zum Fest und Neujahre als: Friede sei mit Dir! Ja Frieden suche in Dir zu bekommen, und das kann ja nur sein, wenn Du mit Dir ins Klare kommst, das ist es allein, was ich Dir so von ganzer Seele wünsche, dann kannst auch Du mit der Engel Chöre einstimmen, und: Ehre für Gott in der Höh, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, ja Ernst, so schwer uns auch oft das Leben und seine Entwicklung uns darniederbeugt, stehen wir nur in Gott, und zu Gott, so können wir trotz allem Schweren ja Bitterem doch mit heller klarer Stimme Hosianna! rufen.

Deinem Vater geht es gut, ich glaube, er bekommt schon tüchtig Ungeduld nach Ziegenrück hin; Gott gebe, daß es da nun alles gut bleibt, dann wird ja auch die Zeit nicht mehr gar zu fern sein. Ich bin mit meinen Gedanken und meinem Herzen so viel bei den Liebsten, daß ich schon ganz heimisch dort bin, auch mit dem lieben kleinen Jungen. – Von Vater erhältst Du 3 rℓ in der Kiste als Weihnachten, kaufe Dir dafür, was Du willst. Ich hätte Dir so gern etwas gearbeitet, ich kann aber noch nicht, meine Kräfte wollen noch immer nicht wieder kommen. – Von Herzen Gruß und alles Liebe und Gute von

Deiner alten Tante Bertha

Vater und Theodor grüßen bestens.d

a gestr.: W; b gestr.: sil; c gestr.: gege; d Nachsatz im Br. 192, S. 2 unten: Vater … bestens.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-12-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33644
ID
33644