Jena 7. März 1919
Lieber Freund Grimsehl!
Erst heute komme ich dazu, Ihnen meinen herzlichsten Dank abzustatten für Ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem 85. Geburtstag. Ich empfing dazu (unerwartet) eine solche Fülle von Postsendungen – über 400! –, daß ich seit 3 Wochen nur mit Beantwortung dringlicher Fragen beschäftigt bin. Den Anschauungen über unsere gegenwärtige trostlose Lage, welche Sie in Ihrem lieben Briefe ausdrücken, stimme ich vollkommen bei; hoffe aber doch auch mit Ihnen, daß die Naturgesetze der Entwicklung uns aus dem gegenwärtigen Chaos der politischen Verwirrung wieder zu normalen Verhältnissen hinauf führen werden. Schon die Ablösung der Schule und des Staates von der Tyrannei der Kirche ist als ein großer Fortschritt zu begrüßen. ||
Von den unerfreulichen Folgen der Deutschen November-Revolution, die Sie in Berlin direkt zu kosten hatten, haben wir hier im stillen Saalthal wenig gemerkt. Auch von den Reden der National-Versammlung im nahen Weimar erfahren wir nur durch die Zeitungen.
Die „Carl-Zeiss-Stiftung“, die für uns so wichtig bleibt, ist bis jetzt von dem gefürchteten „Spartakismus“ ziemlich verschont. Nur die steigende Höhe der Ausgaben könnte Sorge einflößen, daß ihre großen Unternehmungen in’s Stocken geraten. Hoffentlich gilt das nicht für die große Saaltal-Sperre bei Ziegenrück.
Für das Bildchen des dortigen Schlosses, in dem ich vor 65 Jahren als 20jähriger Student die Embryologie des Salamandra maculata studierte, danke ich noch bestens! ||
Heute vor 62 Jahren (7.3.1857) wurde ich in Berlin vom alten Ehrenberg (als Dekan) zum Dr. med. et chir. promoviert, auf Grund meiner Dissertation über die „Nerven des Flusskrebses“. Wie hat sich die Welt seitdem geändert! –
Die beifolgenden Drucksachen (die ich auch an Frl. Elsa Richter nach Leuchtenberg sandte) hatte ich Ihnen wohl schon früher geschickt; ich diesem Falle bitte ich sie beliebig zu verschenken.
Hoffentlich sind Sie Ihre lästige Influenza jetzt wieder ganz los und kommen bald wieder nach Jena.
Mit herzlichen Grüßen an Sie und an Ihre liebe Frau Gemahlin
treulichst
Ihr alter
Ernst Haeckel. ||
[Beilage: Postkarte mit Zeichnung von Villa Medusa und Widmung]
Jena 7. März 1919.
Dem Freunde der formenreichen Radiolarien und physikalischem Ergründer ihrer phantasiereichen „Zellseele“ (Cytopsyche) (Der „Biokristalle“) |
Herrn Baurat
Karl Grimsehl (Berlin)
ein Gruss aus seiner
zukünftigen Forschungs-Stätte im
„Ernst-Haeckel-Museum“
(Am Paradies von Jena).