Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Hertwig, Jena, 22. September 1910

Jena 22. September 1910.

Lieber Freund!

Zu Ihrem sechzigsten Geburtstage sende ich Ihnen meine und meiner Frau herzlichste Glückwünsche! Möge Ihr schönes Familien-Glück in jeder Beziehung sich so erfreulich weiter entwickeln, wie in den letzten Jahren, und mögen Sie unserer zoologischen Wissenschaft in der hervorragenden Stellung die Sie als Nachfolger von Karl Theodor v. Siebold einnehmen, noch viele Jahre so glänzenden Dienst leisten, wie bisher geschehen ist. Als ich Sie vor 8 Tagen in Ihrer reizenden Waldeinsamkeit von Schlederlohe im Kreise Ihrer lieben Familie sah und den herrlichen Blick auf das Isarbett bewunderte, habe ich mich aufrichtig über Ihre Frische und Zufriedenheit gefreut, und kann nur wünschen, daß diese hohen Güter Ihnen noch recht lange unversehrt erhalten bleiben. ||

Mit herzlicher Freude habe ich in diesen Tagen an die schöne Zeit vor 40 Jahren zurückgedacht, wo Sie mit Ihrem Bruder Oscar in Jena zu meinen eifrigsten und besten Schülern gehörten, und wo Ihre ausgezeichneten Talente und Ihr mustergültiger Fleiß in mir die hohen Hoffnungen auf Ihre zukünftige wissenschaftliche Bedeutung weckten, die sich später so glänzend erfüllt haben. Auch die Erinnerung an unsere gemeinsamen schönen Seereisen und Seetier-Studien ist dabei wieder lebhaft vor meine Seele getreten: an den originellen Aufenthalt im Koster der Insel Lesina 1871a – (bei dem guten Padre Buona-Grazia), und an die gewinnreichen Wochen, die wir auf der Rosmarin-Insel Corsica 1875 zusammen verlebten. ||

Als ich dann 1877 durch meine unglückliche Rede auf der Naturforscher-Versammlung in München die von mir gewünschte du mir zugedachte Nachfolge auf Siebold’s Lehrstuhl verscherzt hatte, gereichte es mir bald zur besonderen Genugtuung, daß diese hervorragende Stellung Ihnen, als einem meiner besten und hoffnungsvollsten Schüler übertragen wurde. Sie können jetzt, im Kreise Ihrer zahlreichen eigenen trefflichen Schüler, mit Befriedigung sich sagen, daß Sie diese hochgespannten Erwartungen in jeder Beziehung reichlich erfüllt haben. Nicht weniger erfreut mich aber auch der Umstand, daß Sie durch Ihre gründlichen und umfassenden Untersuchungen gerade die tiefere Erkenntnis derjenigen niederen Tierklassen bedeutend gefördert haben, deren Studium so viele Jahre meines Lebens einnahmen, der Radiolarien und der Medusen. ||

In unserem alten Jena hat sich inzwischen so viel verändert, daß Sie sowohl in der Stadt als im Lehrkörper der Universität wenig Berührungspunkte mehr finden würden. Ich fühle mich sehr vereinsamt. Bei der Rückkehr am letzten Samstag fand ich meine Frau verhältnismäßig wohl vor; sie hat sich von der schweren Krankheit des letzten halben Jahres und von den damit verknüpften Familien-Sorgen leidlich erholt.

– Dr. Julius Schaxel habe ich den Rat gegeben, seine Absicht sich hier zu habilitiren, womöglich auszuführen. Sollte dies aber in Folge des fortgesetzten brutalen Verhaltens von Prof. Plate nicht möglich sein, so würde ich ihn dringend für die Habilitation in München empfehlen.

Mit herzlichsten Grüßen und besten Wünschen für Sie und Ihre liebe Familie

treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

a eingef.: 1871

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22.09.1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33230
ID
33230