Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Hertwig, Jena, 21. Juli 1916

Jena 21. Juli 1916.

Lieber Freund!

Für die freundliche Zusendung der 11ten Auflage Ihres vortrefflichen Lehrbuchs der Zoologie sage ich Ihnen meinen besten Dank. Ich freue ich über diesen großen Erfolg um so mehr, als ich selbst die Absicht, ein solches zu schrieben, – schon vor 50 Jahren gehegt! – niemals ausgeführt habe und ich nunmehr, als Ihr alter invalider Lehrer, sehe, wie viel besser und zeitgemäßer Sie diese wichtige Aufgabe erledigt haben. In den maaßgebenden Hauptrichtungen unseres Denkens und Urteilens sind Sie unseren alten, oft gemeinsam erörterten Überzeugungen treu geblieben. Bei Ihrem lieben Bruder Oskar ist das ja leider nicht der Fall, wie sein neues Buch: Das Werden der Organismen“ beweist. || Es ist eine tragische Ironie des Geschicks, daß dieses seltsame Buch – eine völlige Verleugnung seiner früheren phylogenetischen Anschauungen in Jena – jetzt in demselben Monat erscheint, in welchem ich meine (Ihnen zugesandte) Zusammenfassung derselben in den „50 Jahren Stammesgeschichte“ veröffentlicht habe. Daß Oskar jetzt dieselbe verleugnet und das „unhaltbare“ „biogenetische Grundgesetz“ durch seine Theorie der „Artzelle“ (– eine unglückliche Neu-Auflage der vor 40 Jahren erschienenen „Urzelle“ von Wiegand –) ersetzen will, ist nur dadurch zu erklären, daß er die Tatsachen der Palaeontologie ignoriert. Daß Oskar jetzt zusammen mit Driesch und Reinke, als bedeutendster Vertreter des Vitalismus gefeiert wird, a (und als Widerleger von „Darwins Zufall-Theorie“) paßt schlecht zu der Tatsache, daß er noch 1909 bei Darwin’s Jubilaeum die Festrede hielt! ||

– Durch einen unserer „Feldgrauen“, der neulich, aus Frankreich zurückkehrend, mich besuchte, erfuhr ich zu meiner Freude, daß es Ihrem schwer verwundeten Sohne jetzt verhältnismäßig gut geht und er in der französischen Gefangenschaft in Grenoble anständig behandelt wird.

Mit Ihrer Gesundheit geht es hoffentlich wieder ganz gut; Sie werde Ihre Sommerfrische jetzt wohl auf Ihrem schönen Landsitze im Isarthal verleben; der Besuch Ihres Kastells im Sugana-Thal wird wohl durch die Italiäner verhindert sein. Die schlimmen Folgen des Weltkriegs, dessen Ende immer noch nicht abzusehen ist, sind auch hier sehr fühlbar. Daß es mir persönlich leidlich geht, wird Ihnen meine Enkelin Else Meyer berichtet haben, welche seit einem Jahre sich in das Studium unserer geliebten Radiolarien vertieft hat.

Mit besten Grüssen an Sie und Ihre liebe Familie

treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

a gestr.: ist

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21.07.1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33220
ID
33220