Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Harald Krabbe, Jena, 13. Dezember 1864

Jena, 13.12.1864

Lieber Krabbe!

Endlich muss ich dir doch meinen herzlichsten Dank für dein schönes Geschenk von Cestoden-Präparaten sagen, durch welche du unsere Sammlung wesentlich bereichert hast. Ich habe nicht sofort dir geantwortet, weil ich dir lieber als materiellen Dank eine kleine Sendung Radiolarien-Präparate schicken wollte, die ich schon längst für dich bestimmt habe. Ich bin aber jetzt so mit Arbeit überhäuft, dass, ich vorläufig noch nicht zur Absendung kommen werde und daher dir lieber einige Worte schreibe. Ich bin jetzt mit einer demnächst erscheinenden Medusen-Arbeit beschäftigt. Ausserdem mit einer allgemeinen, die ich nächstes Jahr zu beendigen hoffe. Im Ganzen habe ich, wie Du Dir denken kannst, hier unter den Trümmern meines Glücks eine sehr traurige Existenz, obwohl ich doch jetzt wieder so weit bin, dass ich ordentlich arbeiten kann. Die siebenwöchentliche Reise nach Nizza, welche ich im März nach dem Tode meiner Frau antrat, hat mich sehr gekräftigt, ebenso eine fünfwöchentliche Wanderung in den Schweizer Alpen, wo ich im August und September das Berner Oberland und Zermatt besuchte. Jetzt sitze ich tief in der Arbeit, die für uns Naturforscher in allem Leid der beste Trost ist.

Auch ausser dem Tode meiner Frau habe ich in diesem Jahre viel Unglück gehabt. Ein halbes Jahr nachher im August, starb ihre beste Freundin, die liebenswürdige Frau meines Freundes Gegenbaur, im ersten Wochenbett. Bezold ist am Herzen sehr leidend (wohl kaum heilbar). Er ist erst ein halbes Jahr verheiratet. Auch mein Vater, der den Sommer hier war, ist seit einem halben Jahr sehr krank. (Marasmus und chron. Rheumatismus).

Im Oktober traf ich zufällig in Berlin, wo ich 3 Wochen bei meinen Eltern war, Focke. Es geht ihm sehr gut. Er ist jetzt Director des || städtischen Krankenhauses zu Bremen. Sonst stehe ich kaum noch mit alten Freunden in Correspondenz und bin recht vereinsamt.

Nächstes Jahr hoffe ich wieder längere Zeit an das Meer zu gehen, um Medusen und Polypen zu studiren.

Wenn du einmal Zeit hast, schreibe mir, wie es dir geht. Nochmals besten Gruss und Dank.

In alter Freundschaft

dein treuer

Haecke1.

P. S. Meiner Mutter und meinem Bruder geht es gut. Letzterer hat jetzt 7 Kinder (5 Jungen).

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
13-12-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
33111