Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Arnold Lang, Jena, 14. Januar 1893

Jena 14. Jan. 93.

Lieber Freund u. Ritter Professor!

Über die guten Nachrichten von Ihnen u. Ihrer l. Familie habe ich mich sehr gefreut; nicht minder über den Fortschritt des Lehrbuchs, dem ich glückliche Vollendung wünsche. Daß Sie uns mit Ihrer l. Frau in Jena besuchen wollen, freut uns u. alle Ihre alten Freunde sehr. Nur möchte ich wünschen, daß es in der schönen Sommerszeit geschehe, u. daß wir dann zusammen die schönen, alten Erinnerungen auf unserer „Schweizer Höhe“ auffrischen können.

Ich habe für Febr. Urlaub genommen und gehe am 1. Febr. (– wahrscheinl., mit m. Frau! –) direct über München – Rom nach Messina, wo ich 2 Monate die allgem. oecolog. Verhältnisse des Plankton (– und des eigenthümlichen „Corrente“ von M. –) studieren will. Auf der Rückreise (im April) will ich meiner Frau Neapel u. Rom zeigen. Falls Sie mir irgend eine nützliche Empfehlung oder Adresse in M. oder N. geben können (– marinaro? –), werde ich Ihnen sehr dankbar sein. Ist in Messina oder Catonia ein angenehmer College? (– Mit Kleinenberg werde ich natürlich jeden Contract vermeiden). Mein „Monismus“ scheint stark zu wirken. Ich erhalte viele zustimmende u. enthusiast. Briefe (auch manche ängstliche!). Die wohl verdiente Züchtigung von Hamann hat allgemein befriedigt; auch Eimer hat gleichzeitig (in Nr. 1 der Deutsch Liter. Zeitg. v. 7. Jan.) eine ähnliche Beleuchtung dieses Schurken gegeben.

Versäumen Sie nicht, die neueste unglaubl. Rede v. Virchow gegen Darwinismus zu lesen, in Nr. 1 der Berlin. medicin. Wochenschr. Corolar u. jede Abweichung vom elterl. Typus ist ein patholog. Vorgang!!! Und dazu klatscht das „gebildete“ Berlin und die exacte Wissenschaft Beifall! Es hört Alles auf! –

Kükenthal (der plötzlich seine Schwiegermutter kürzlich verloren hat) geht es gut. Er arbeitet jetzt recht brav und wird nächstens || (auf wundervolles embryol. Material gestützt) den II. Theil seiner „Cetaceen“ (in der Jen. Denktschr.) publiciren. – Semon hat eine wundervolle Sammlung von Gerotodus u. Echidna (complete Entwickl. Reihe!) hergeschickt u. ist sehr zufrieden. Jetzt ist er 6 Wochen in Amboina. Dann kehrt er nach Batavia zurück u. trifft Ende April hier ein. – Mein Sohn ist jetzt auf ein Jahr als „pittore“ nach Italien gegangen u. arbeitet zunächst in Taormina. Er hat sein erstes Landsch. Bild verkauft!

Mit herzlicher Grüßen- auch von meiner Frau- an Sie und die Ihrigen Lieben

Ihr treuer alter Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
14-01-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
33082