Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Arnold Lang, Baden-Baden, 5. Oktober 1898

Baden-Baden 5.10.1898.

Hotel de France.

Lieber Freund u. Ritter Professor!

Statt dieses Briefes hoffte ich selbst in diesen Tagen bei Ihren sein zu können. Aber mein alter Freund, der Gelenk-Rheumatismus, hatte die Aufmerksamkeit, mich Anfang Septbr., auf der Rückreise von England, zu besuchen, und so mußte ich dann 14 Tage in Jena liegen und dann zu einer 3 wöchentl. Cur hierher gehen (schon zum 4. Male!). Leider mußte ich so die gehoffte Schweizer Reise aufgeben und statt dessen hier 20 „Wildbäder“ nehmen; sie sind mir übrigens – wie früher sehr gut bekommen. Ich bleibe hier bis nächsten Sonntag (9.10) und gehe dann direct nach Jena, um meinen neuen „Ritter-Professor“ (Nr. III) einzuführen. Nach reiflichem Überlegen und Erkundigen habe ich H. E. Ziegler in Freiburg gewählt; er verdient den Vorzug vor den beiden anderen Candidaten (Plate und Seeliger) vielleicht weniger wegen höherer Qualität seiner Special-Arbeiten, als wegen seiner bedeutenden allgemeinen Interessen, und seiner sehr liebenswürdigen (– wie allseitig gerühmten –) Persönlichkeit. Ich habe ihn zwar jetzt erst persönlich kennen lernen, hoffe aber sehr gut mit ihm auszukommen.

Meine Reise zum IV. Internat. Zoologen. – Congress in Cambridge (22. – 26. August), vor der mir nicht wenig graute, lief ganz glücklich ab. Die Hauptsache war mein Vortrag (im General Meeting) „On our present knowledge of the Descent of Man”. Obgleich die (in Englisch vorgetragenen) „Address“ eigentlich nichts Neues enthielt, machte sie doch großen Eindruck und fand lebhaften Beifall. Sehr spaßhaft war die Ehren Promotion in der Kirche, zum Dr. Sc. (– „in nomine Dei patrio, filii et Spiritus sancti!!! –). Ich sah im rothen Talar wie ein englischer Cardinal aus; nicht weit davon stand unser Freund Anton Dohrn, der mich natürlich ignorirte! Q.F.F.S.! –

In unserer „Villa Medusa“ in Jena sieht es leider nicht sehr erfreulich aus. Meine arme Frau kann die schlimmen Folgen der schweren || Influenza (Herz, Nervensystem) die sie sich vor 3 Jahren zuzog, immer noch nicht los werden. Auch unsere jüngere Tochter, die sie treulich pflegt, ist viel leidend. – Im Referir-Abend gedenken wir Ihrer oft, ebenso auf der Schweizer Höhe. Fürbringer hat den ganzen Sommer durch einen schweren Typhus verloren, ist aber jetzt Reconvalescent. –

Hoffentlich kann ich im nächsten Frühjahr an die Riviera gehen und statte Ihnen dann sicher den längst erhofften Besuch ab. Hoffentlich geht es Ihnen Allen gut!

Mit bester Grüßen an Sie u. Ihre l. Familie

Ihr alter Treuer E. Haeckel.

P.S. Mit Bewunderung las ich hier in d. N-Z-Z. Ihre paedagog. Rede

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
05-10-1898
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
33066