Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Arnold Lang, Baden-Baden, o. D. [1909]

Baden-Baden (Luisen Str. 18. bei M. Wolff).

Lieber Freund Lang!

Seit 14 Tagen sitze ich hier in Baden als Kurgast und versuche durch Thermal Bäder und Schwedische Gymnastik den alten Organismus zu restaurieren, der durch die lange Krankheit des Winters sehr gelitten hat. Das ganze Winter-Semester (– mein letztes im Amte –) war für mich schauderhaft: langwieriger Gelenk Rheumatibis Influenza, Sorgen und Ärger mit dem Phyletischen Museum; beides Aufgabe meiner schönen (– seit 55 Jahren angelegten) Sammlung wurde mir erst zu meinem Kummer klar, wie wenig ich im Ganzen mit diesen Schätzen geleistet habe. Anfang März war ich besonders elend, so daß ich nicht einmal meiner lieben Pathin Rosa Lilia den beabsichtigten Brief zu ihrer Vermählung schreiben konnte. Hoffentlich geht es ihr gut. – Bis nach Pfingsten (Anfang Juni) bleibe ich noch hier. Dann will ich zur Nachkur noch 8–12 Tage in den nahen N.W. Winkel der Schweiz gehen. Ich dachte an Solothurn (Weissenstein) oder an den Bieler und Neuenburger See. Sie sind ja dort gut bekannt und können mir vielleicht dort (oder in Münsterthal?) eine gute Pension angeben, in der ich ruhig eine Woche in Pension leben, malen und Natur genießen könnte. In Jena hat sich Viel verändert. Gleichzeitig mit mir ist auch mein alter Kollege Wilhelm Müller (78 J. alt) abgegangen; ferner der Kurator Eggeling (71 J.), der das Gehör ganz verloren hat.

Meine Frau war diesen Winter zum Glück leidlich wohl; im April wurde sie aber auch ein Opfer der epidemischen Influenza. Der Nachwinter war bei uns sehr hart und lang, viel Eis und Schnee im Februar bis April. Ende Juni bin ich in Jena zurück und bleibe dann wohl ganz zu Hause.

Der wiederholten Einladung nach Cambridge (zur Darwin-Feier), nach Genf (zum Univ. Jubilaeum), Rom, Glasgow etc kann ich nicht mehr Folge leisten. Außerordentlich bedauert habe ich den frühzeitigen Tod von Prof. Fritz Römer (43 J.). Er war einer meiner besten Assistenten, || an Charakter und Talent gleich vorzüglich; als Director des neuen, schönen, von ihm in Frankfurt a. M. organisierten Museums ist er kaum zu ersetzen.

Hoffentlich können Sie mir von Ihnen und Ihrer lieben Familie nur Gutes melden.

Mit herzlichsten Grüßen Ihr treuer alter

Ernst Haeckel

P.S. Der Besuch von Herrn Caesar Schöller in Jena (im April) hat mich sehr erfreut. Bitte ihn gelegentlich zu grüßen.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
10.05. bis 03.06.1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
33045