Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Ludwig Plate, Jena, 6. Juni 1912

Herrn Professor

Dr. Ludwig Plate

d. Z. Dekan der

Philosophischen Fakultät

In Jena.

Jena 6. Juni 1912.

Hochgeehrter Herr Dekan!

Am dritten Juni d. J., als dem Tage an welchem ich vor Fünfzig Jahren zum ausserordentlichen Professor an unserer Universität ernannt wurde, haben Sie als derzeitiger Dekan der Philosophischen Fakultät mir deren Glückwünsche in freundlichster Form ausgesprochen. Indem ich Ihnen dafür meinen aufrichtigen Dank sage und ihn auch der Hohen Fakultät mitzuteilen bitte, gedenke ich mit Befriedigung der zahlreichen bedeutenden und interessanten Beziehungen, welche mich während dieses halben Jahrhunderts mit Derselben auf das Engste verknüpft haben. Zugleich drängt sich mir die Pflicht des Dankes für die vielfache Anregung und Förderung auf, welche ich in diesem ereignisreichen Zeitraume sowohl von der Philosophischen Fakultät im Ganzen, als von vielen ausgezeichneten Mitgliedern Derselben empfangen habe. ||

Der Zeitpunkt dieses Gedenktages fällt nahe zusammen mit dem akademischen Festtage, an welchem vor wenigen Tagen, am 21. Mai d. J., das neue Phyletische Museum dem öffentlichen Besuche zugänglich gemacht worden ist. Die Gründung dieses „Ersten Museums für Entwickelungslehre“, das ich am 30. Juli 1908 der Universität Jena bei Gelegenheit ihres 350jährigen Jubilaeums als Geschenk übergeben konnte, war für mich seit vielen Jahren Gegenstand vieler Mühen und Sorgen, Opfer und Freuden. Sie selbst, Hochgeehrter Herr Dekan, haben vor drei Jahren als mein Amtsnachfolger die schöne Aufgabe übernommen, die innere Organisation und die äussere Ausstattung des Phyletischen Museum zweckentsprechend auszuführen.

Mit lebhafter Genugtuung habe ich in diesen Tagen mich durch eigene Anschauung überzeugt, dass Sie diese Aufgabe im Sinne meiner ursprünglichen Pläne glücklich gelöst haben. Damit ist nicht nur der Entwickelungslehre in Jena, wo seit mehr als Hundert Jahren so viele ausgezeichnete Naturforscher und Philosophen für sie gewirkt haben, ein bleibendes Monument errichtet, sondern auch ein wichtiges neues Organ der Wissenschaft und der darauf gegründeten Weltanschauung gewonnen. ||

Im Laufe der 51 Jahre, welche ich dem Lehrkörper der Universität Jena angehöre, hat sich das grosse Gesetz der fortschreitenden Entwickelung an unserer berühmten Thüringer Hochschule selbst glänzend bewährt. Insbesondere hat unsere Philosophische Fakultät durch Gründung zahlreicher neuer Lehrstühle und vorzüglich ausgestatteter Institute einen grossartigen Aufschwung genommen. Indem ich jetzt an meinem späten Lebens-Abend auf diese glanzvolle selbsterlebte Entwickelungs-Periode einen Rückblick werfe, kann ich nur noch den herzlichen Wunsch aussprechen, dass auch fernerhin der fruchtbringende Geist Freier Forschung und Freier Lehrer ihre Entwickelung fördern möge.

Mit dem Ausdruck wiederholten Dankes

bleibe ich in vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-06-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32988
ID
32988