Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rottenburg, Jena, 6. Juli 1909

Jena 6.7.1909

Liebster Freund!

Bei meiner Rückkehr von München (wo ich bei Walter einige sehr hübsche Tage verlebte, nach der Baden-Baden-Kur) fand ich hier Deine wertvollen Geschenke vor und sage Dir meinen herzlichsten Dank! Das schwarzweiße Affenfell – oder vielmehr die herrliche Decke, die aus 20 Fellen des schönsten aller Affen (Colobus aus dem tropischen Central-Africa) sehr kunstreich zusammengesetzt ist, bildet eine besondere Zierde meines phyletischen Museums und hängte einstweilen hinter dem schönen Gyps-Monument der „schaumgeborenen Aphrodite“ (Venus in der Muschel), die Du demselben zur Einweihungsfeier (Juli 1908) gestiftet hattest. ||

Auch der schottische (hier viel bewunderte) Harris-Tweed-Anzug ist sehr willkommen und legt auf’s Neue rührendes Zeugnis Deiner freundschaftlichen Fürsorge für mein leibliches Wohl ab! Dieses hat sich durch die treffliche Kur in Baden-Baden sehr gehoben; der alte Rhematismus ist mal wieder zur Ruhe verwiesen und ich kann ein paar Stunden tüchtig laufen. Aber mit dem Bergsteigen geht’s nicht mehr gut, und das alte Herz wird wohl nicht mehr lange aushalten. Gut, daß ich jetzt als Eremitus mehr Ruhe und Beschaulichkeit genießen kann. ||

Der Mai in Baden-Baden war wunderschön; dagegen waren die folgenden Juni-Wochen, die ich auf dem Weißenstein bei Solothurn und am Bieler- u. Zürich-See zubrachte, mit Regen, a Nebel und Schnee gesegnet. Auch hier ist jetzt noch kein rechter Sommer. Um so schöner wird es hoffentlich in den folgenden Monaten werden, wo ich sicher auf Deinen lieben Besuch rechne – mit Excursion in das schöne obere Saaltal! Ich habe jetzt endlich dazu Muße!

Auch Schwester Röschen, die den ganzen Winter krank war, hat sich jetzt von ihrer Influenza erholt und genießt unseren kleinen Garten, der dies Jahr sehr grün ist. ||

Übermorgen wollen wir Beide auf 8 Tage zu Lisbeth nach Leipzig, die in circa 4 Wochen auf die glückliche Geburt eines Erbprinzen hofft!! (Ihre reizende Tochter Else ist schon 14 Jahre, Getrud 11 Jahre alt).

Die beiden Töchter gehen jetzt auf 2 Monate nach Ober-Bayern, wo sie mit Walter und seinen beiden allerliebsten Töchterchen (5. und 7. Jahre) in Hohen-Aschau Sommerfrische halten werden.

– Mit Bau und Einrichtung des Phyletischen Museums habe ich viel Ärger gehabt; darüber Näheres mündlich!

– Mit besten Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

a gestr. und

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
06-07-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32905
ID
32905