Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rottenburg, Jena, 22. November 1904

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA.

Jena | 22.11.1904.

Liebster Freund!

Gestern ist Deine gütigst gespendete Oxford-Marmelade (12 Töpfchen) wohlbehalten eingetroffen. Schwester Röschen dankt Dir mit mir herzlich; wir sind geteilter Meinung, ob sie der alten (milderen und süßeren) Dundee-Marmelade vorzuziehen ist; mir scheint sie kräftiger und aromatischer. Zunächst hat unsere Gastrula noch Gelegenheit, vergleichende physiologische Studien darüber für mehrere Monate anzustellen! – Jeden Morgen beim Frühstück danken wir Deines Altruismus und danken dem „allmächtigen Schöpfer“, der den guten „Onkel Paul“ construirt hat. ||

Solltest Du auf die verwegene Idee kommen, zur besseren Conservirung meiner unsterblichen Seele ein paar Flaschen Spirituosa zu senden, so würde ich nur um den edlen Bohls (rothen Charry-Brandy) bitten, der meinem senilen Gehirn besonders wohl thut (– keinen Alash oder Pomeranzen, beide zu stark!).

– Vor 8 Tagen habe ich an Gustav Kräfft eine Bücher Kiste nach Hamburg spedirt, mit der Bitte, sie sofort (– frankirt –) an Dich nach Glasgow weiter zu senden. Du findest darin folgendes „Nutrimentum spiritus“!: ||

– 1. Meine „Lebenswunder“

– 2. Meine „Welträthsel“ (8. Auflage)

– 3. Meine „Kunstformen der Natur“, ein vollständiges Exemplar, zum Verschenken an Deine Kinder oder?

– 4. Drygalski, Zum Continent des eisigen Südens, eben erschienen

– 5. Sven Hedin, Abenteuer in Tibet, – eben erschienen.

– 6. Fritz Reuter, neue Ausgabe (8 Bändchen).

Mir und meiner Familie geht es relativ gut, die Gesundheit meiner Frau hat sich diesen Sommer besser gehalten, ebenso von Emma, die sich im Sanatorium (6 Monate) wesentlich erholt hat. Walter ist mit Familie nach München übergesiedelt (Lachner-Straße 18); er hat 2 niedliche Töchterchen. ||

Augenblicklich ist Walter für 14 Tage hier, um eine (– hier erste –) Collectiv-Ausstellung seiner Bilder zu arrangiren (36 Stück); es sind unter den neueren Landschaften recht hübsche Sachen. Zu meiner Freude hat sich sein (– bescheidenes –) Talent während der 3 Jahre Natur-Studium in Sonthofen recht gut entwickelt und er ist recht fleißig gewesen.

– Bei Meyers in Leipzig geht es gut.

– Von den „Lebenswundern“ erscheint jetzt 9.–10. Tausend (nach 8 Wochen) – unverändert. – Auch die englische Übersetzung ist fertig (Watts).

Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-11-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32841
ID
32841