Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rotteburg, Bordighera, 7. März 1904

Bordighera (Riviera ponente)

7. März 1904.

Liebster Freund!

Da ich nach Deinem letzten Briefe (vom oberen Nil) vermuthe, daß Du mit Deiner lieben Familie noch in Egypten weilst, sende ich Dir meinen herzlichsten Dank für Deine liebenswürdigen Glückwünsche zum 70. Geburtstag noch nach Cairo. Ich habe Eure schöne Reise mit lebhaftem Interesse und eigentlich mit Neid verfolgt. Lieber wäre ich mit Dir diesen rauhen Winter im sonnigen Egypterlande gewesen, als hier an der Riviera, wo der vielgelobte Süden im Ganzen recht kühl und regenreich war. ||

Ich habe die 4 Monate in Rapallo tüchtig gearbeitet und das Manuscript meines letzten biologischen Buches vollendet. Näheres darüber findest Du in Nr. 8. der Münchener „Jugend“ (mit Porträt von Lenbach). Falls Du sie nicht erhalten hast, schicke ich sie Dir von Jena nach Glasgow; ebenso das „Lebensbild“ von Dr. Breitenbach (Odenkirchen). Die Deutsche Presse hatte sich überhaupt colossal angestrengt, um meine bescheidenen Verdienste am 16. Februar in bengalischer Beleuchtung glänzen zu lassen. In Berlin und Zürich sind besondere „Haeckel-Feiern“ veranstaltet worden. In Rapallo stieg die Zahl der Glückwünsche auf über Elfhundert! – ||

Drei Wochen habe ich gebraucht, um die gedruckten Dankbriefe zu adressiren. Auch an schönen Adressen und Festschriften fehlte es nicht. Kurz ich konnte den großen „Strich“, den man unter das vollendete 70. Lebensjahr zu machen pflegt, mit voller Befriedigung und Dankbarkeit gegen das Geschick ausführen, trotz aller Kämpfe, Mißerfolge und Dummheiten, die ich begangen.

Das letzte Heft der „Kunstformen“ ist auch glücklich fertiggeworden. So hoffe ich denn jetzt – „nach so Viel Rennen und Laufen, kann Unsereins auch einmal verschnaufen“. Wenn ich noch arbeitsfähig und schreiblustig bleibe, werde ich den Rest meines Lebens den „Memoiren“ widmen; ich kann Viel erzählen. ||

Am 27.2. haben wir Rapallo verlassen und wollen nun den März hier der Erholung widmen.

Anfang April denken wir auf der Rückreise Walter in Sonthofen zu besuchen und Mitte April wieder in Jena zu sein.

Schwester Röschen, deren Gesundheit trotz der „milden Riviera-Lüfte“ Viel zu wünschen übrig läßt, (– und die Deine herrlichen grünseidenen Deckbetten täglich segnet! –) grüßt Dich und die Deinigen mit mir herzlichst! Hoffentlich besuchst Du uns bald in Jena! Stets Dein treuer alter

Senex septuagenarius

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
07-03-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32836
ID
32836