Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul Rottenburg, Jena, 1. März 1892

Jena (Fastnacht)

1. März 1892.

Liebster Freund!

Beifolgend sende ich Dir als wissenschaftliches Faschings-Product eine der größten zoolog. Raritäten; nämlich das neue ultramontane Säugethier, welches ich zu Ehren des leitenden Genius der neuesten Preußischen Geschichte, des ausgezeichnet clericalen Cultus-Ministers Sr. Exc. Hr. v. Z. Tr. Zedlitztrütschleria papalis getauft habe. ||

Ich hoffe, daß Du durch sein gründliches Studium von den mancherlei ketzerischen Zweifeln, die noch Dein kindliches Bewußtsein trüben, geheilt, und veranlaßt wirst, mit deiner Familie in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehren.

– Bei uns in Thüringen – speciell in dem monistischen Jena – herrscht leider noch viel haeretischer Skepticismus. Wir hoffen aber, daß die große Gegen-Reformation in Preußen bald auch bei uns die ersehnte „Erlösung“ (– nämlich vom Joche der Vernunft! –) bringen wird! ||

Das Laboratorium unseres Zoolog. Museums ist bereits in einen Betsaal verwandelt, und das bekannte „Forsthäuschen“ in eine Waldkapelle. Ich hoffe bestimmt, daß Du mit Tante Ida uns im Mai oder Juni besuchen wirst, und daß wir dann gemeinschaftlich unsere Andachten daselbst fortsetzen werden (unter Anwendung Deines wunderthätigen „Kärsewoter“). Es lebe Sr. Maj. Kaiser Wilhelm II der Gr. (– soll heißen „der Große“, nicht „der Grüne“!! –). ||

Unsere Irren-Anstalt wird bereits zur Aufnahme hoher und höchster Persönlichkeiten bedeutend erweitert; der Director derselben hofft, daß das glorreiche Beispiel König Ludwig II. von Baiern (– auch d. Gr.! –) bald ersprießliche Nachfolge finden wird! –

– Uns geht es gut! Unser glückstrahlendes junges Ehepaar ist seit 14 Tagen von seiner herrlichen Hochzeitsreise an die Riviera zurück. Ich hoffe mit Tante Agnes in cc 10 Tagen auch auf 6 Wochen eben dahin zu gehen, um unsere clericale Ausbildung zu vervollkommnen! Mit frömmsten Grüßen Dein „Bruder im Herrn“!

Ernst Haeckel ||

[Beilage, nur in masch.schrftl. Abschrift]

Mammale novum incredibile

detectum Anno domini 1892

Die 29 Mens. Januarii Romani

Luna intermenstrua

Zedlitztrütschleria papalis

E. Haeckel, nov. gen., nov. spec.

Ordinis: Hierotheriae, E. H.

Familia novae: Coelocephala, E. H.

(Separat-Abdruck aus den Verhandlungen des "Naturwissenschaftlichen Vereins Studierender der Universität Jena". II. Abteilung Gazetta cerevisia.) (12jähriges Stiftungsfest am 30. Januar 1892)

Diagnosis Zoologica: Animal placentale.

Ordinis novi: Hierotheria.

Familiae novae: Coelocephala.

Corpus squamatum, ad modum Manis, squamis corneis in mascula antrorsum, in femina retrorsum diretis.

Caput sexualiter valde distictum: in mascule cephalothoracis Astaci simile, fronte ferrea, oculus duobus compositis pedunculatis, dentibus munitum; in femina Angelae simile, edentatum oculis tribus simplicibus praeditum (lateralibus rubris, parietali aureo).

Pedes quatuor breves solidunguli.

Cauda pinnata, splendida, in mascule piniformis, in femina pennaeformis.

Cerebrum minimum (Brontotherio similis), aqua votiva repletum Sanguis Coeruleus.

Gonades Maximae. Penis permagnus, duplex. Regio glutaea nira, pernobilis.

/folgt Fig. 1. Das Männchen nach dem Leben gez.

Fig. 2. das Weibchen in natürl. Grösse./

Fig. 1. mit der Bezeichnung: "Mariti voluntas surprema lex!"

Fig. 2.: "Uxoris voluntas suprema lex!"

Dieses höchst interessante neue Säugetier, ein "lebendes Fossil" aus den neunten Jahrhundert p. Chr., wurde am 29. Januar 1892 von dem frommen Jesuitenpater Filucius in einem ultramontanen Sumpfe der Kgl. Preuss. Provinz Posen entdeckt, auf einem einsamen nächtlichen Waldspaziergang mit der "frommen Helene". Professor Ernst Haeckel in Jena (kürzlich von Seiner Heiligkeit dem Papst zum "Cardinal in partibus" ernannt) konnte ein Männchen und zwei Weibchen des merkwürdigen (in Bigamie lebenden Thiere noch lebend untersuchen und wird eine ausführliche Beschreibung desselben in den leitenden Hauptblättern der Gegenwart (Preussische Kreuzzeitung und Römische Germania) geben. Er benannte dieses "Hierotherium coelocephalum" zu Ehren Seiner Excellenz des Vaticalischen Kulturministers Grafen Zedlitz-Trütschler, des hochverdienten Naturphilosophen, der alle seine Vorgänger an vielseitiger Gelehrsamkeit und konfessioneller Frömmigkeit, an gründlicher Sachkenntnis und unergründlicher Gedankentiefe so weit übertrifft. Das gläubige Studium der "Zedlitztrütschleria papalis" ist vor allem geeignet zur gründlichen Widerlegung der herrschenden Irrlehren der Naturwissenschaft (Darwinismus, Kopernikanismus etc.) und zur Beförderung der ersehnten "Umkehr der Wissenschaft".

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
01-03-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32782
ID
32782