Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul Rottenburg, Jena, 26. Dezember 1891

Villa Haeckel. Jena, den 26. Decbr 1891.

Liebster Freund!

Wie oft wir in dieser letzten Woche Deiner mit den Gefühlen herzlichster Freundschaft und wärmster Dankbarkeit gedacht haben, brauche ich Dir nicht zu sagen; denn Du hast durch die übergroße Fülle gütiger Gaben selbst dafür gesorgt, daß sowohl das alte Ehepaar Haeckel-Huschke, als das junge Päärchen Meyer-Haeckel täglich in Gedanken freundlichste Dankes-Grüße Dir senden mußten! ||

Dein wundervolles Silber-Geschenk überstrahlte – allbewundert! – eben so sehr alle übrigen Silber-Gaben, wie Dein wundervolles Doppel Telegramm: Mariti / Uxoris} voluntas} Suprema / lex alle anderen 60 Telegramme zur Hochzeitstafel übertraf und die größte Heiterkeit erregte. Jammerschade, daß Du nicht in Persona den beiden Festen beiwohnen konntest, die wirklich herrlich und in ungetrübtester Heiterkeit verliefen. Unser liebes Päärchen, der stattliche Hans und die liebliche Lisbeth, sahen in der That reizend aus und repräsentirten ein normales deutsches Ehepaar, dessen sich das Deutschland neusten Datums nicht zu schämen brauchte. Auch äußerlich verlief Alles glänzend und glücklich. ||

– An der Hochzeit-Tafel, deren „Speisefolge“ ich Dir anbei sende, waren 70 Gäste, am Polterabend 100 anwesend. Die dramatischen Aufführungen an Letzterem waren höchst gelungen, vor Allem eine reizende freisinnige Dichtung meines Neffen Heinrich (des Dr. med.); er selbst stellte den Amor dar, welcher Lisbeth ihren Hans zuführt, obgleich zwei Saal-Nixen (Freundinnen von L.) Alles aufbieten, um sie hier zu halten. – Da alle Festivitäten im „Baeren“ stattfanden (– das ganze Hôtel war für unsere Gäste mit Beschlag belegt! –), so herrschte in Villa Medusa idyllische Ruhe; das war auch sehr nöthig für meine liebe Frau, die übrigens Alles mitgemacht und ohne Nachtheil glücklich überstanden hat! – Ende gut, Alles gut! – ||

Wir haben glückstrahlende Briefe vom jungen Päärchen aus Frankfurt a/M; von da sind sie nach Italien gereist. –

– Deine delicate Sendung von Ganoiden Eiern, nebst dem nöthigen Spiritus zur Conservation derselben, hat unserer gesammten Gastrulae eine lebhafte Weihnachtsfreude bereitet; nicht minder der wundervolle „Kirsebaer Liqueur“ aus Kopenhagen. Ich bin auf den Argwohn gerathen, daß Du heimlich im Dienste des Jesuiten-Ordens stehst und mit Erfolg den Auftrag ausführst, mich durch materielle Gaben zu demoralisiren, insbesondere durch feinen Alkohole das bischen Spiritus zu zerstören, das in meinem alternden und retrogressiven Gehirnchen noch übrig ist!

– Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus, und besten Wünschen zum Neujahr Dein treuer Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
26-12-1891
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32781
ID
32781