Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul Rottenburg, Jena, 3. Mai 1889.

Villa Haeckel. Jena, den 3. Mai 1889.

Heute (– an dem feierlichen Tage, an welchem vor 5 Jahren unser neues Zool. Institut eingeweiht wurde –) überraschte uns die Kiste mit den beiden reizenden, ichthyographisch decorirten Bronze-Urnen, durch welche Du uns in liebenswürdigster Weise überrascht. Nimm dafür meinen – und ganz besonders meiner Frau – herzlichsten Dank; die prächtigen Vasen schmücken bereits ihren „Salon“! – ||

Meinen Gruß von der Insel Elba hast Du hoffentlich richtig erhalten. Ich verlebte dort in größter Einsamkeit 3 arbeitsreiche März-Wochen, und ging dann im April nach Rom, das ich seit 30 Jahren nicht gesehen hatte. Welche Metamorphose!! Ich hatte im neuen Rom 14 sehr interessante Tage. Professoren, Studenten und Künstler wetteiferten in liebenswürdigem Verkehr, um mir diese Zeit möglichst angenehm zu machen. Dann hatte ich auf der Rückreise ein paar schöne Tage in Genua und an der Riviera (Nervi). Im Übrigen war das Frühjahr sehr kalt u. naß. ||

– Hoffentlich wird der Sommer um so schöner; der Mai hat vorgestern musterhaft begonnen. Unser Gärtchen und die Medusen-Villa schmücken sich bereits mit Blumen des Frühlings, und Dein bescheidenes Zimmer harrt deines lieben Besuches! Wir rechnen dies Jahr sicher darauf, daß Du uns nicht vorbei reisest!

Ich bin so frisch und frei, wie seit 20 Jahren nicht, nachdem ich meine letzten großen Monographien beendigt, und das 12 jährige Herkules-Werk des Challenger (– zu dem mich 1876 ein gewisser Dr. theol. P. v. Rottenburg, p. p. verführte) glücklich u. rühmlich abgeschlossen habe. ||

Auch meiner Familie geht es gut. Walter verspricht ein tüchtiger Maler zu werden; er besucht die Kunstschule in Weimar. Lisbeth träumt bereits von Reisen nach London und Glasgow; sie schwärmt für English. Klein Emma wird allmählich Backfisch.

– Meine Frau, die den Winter besser als sonst verbracht hat, ist auch munter, u. freut sich mit mir auf Deinen lieben Besuch! Bringe doch auch Tante Ida mit!

Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus, und mit wiederholtem Danke

Dein treuer

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
03-05-1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32770
ID
32770