Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Semon, Jena, 19. Mai 1916

Jena 19.5.1916.

Lieber Semon!

Besten Dank für Ihren freundlichen Brief, mit dessen Ansichten ich sowohl in wissenschaftlicher als in politischer Beziehung vollkommen einverstanden bin. Gleich vielen älteren und erfahrenen Kollegen sehe ich unsere Zukunft sehr pessimistisch an. Ich bedaure sehr, daß ich nicht mehr reisen und Sie in München besuchen kann. Über Vieles würde ich gern mündlich mich mit Ihnen aussprechen! –

Über das neue Buch von Oskar Hertwig (– „Das Werden der Organismen“ –) – eine verschlechterte Auflage des älteren, vor 40 Jahren erschienen „Urzellen“-Buches von Wiegand, werden Sie gleich mir entsetzt sein; welche Borniertheit! Die „Stammesgeschichte“ ist ja „Unsinn“, weil die Paläontologie Nichts aussagt (– d.h. weil O. H. sie nicht kennt!! –) ||

Es ist eine herrliche Ironie des Schicksals, daß in demselben Monat Mai, in dem ich das 50jährige Jubiläum meiner Phylogenie begehe, mein „angesehenster“ Schüler O. H. (– in Berlin! –) exakt beweist, daß es keine Transformation der Species – der imaginären „Artzelle“! – giebt.

Mit herzlichsten Grüssen an Sie und Ihre liebe Frau treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-05-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32681
ID
32681