Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Semon, Jena, 3. Mai 1892

Jena 3. Mai 1892.

Lieber Freund und College!

Von einer April-Reise an die Riviera ponente vorgestern zurückgekehrt, fand ich hier Ihre beiden letzten, mir sehr interessanten Briefe vor, und erhielt gestern durch unseren Freund Fürbringer die letzten an ihn gerichteten Briefe aus Thursday Island, vom 16. und 21. März. Wir sind Beide sehr erfreut, daß Sie Ihren Aufenthalt in Australien verlängern, und die seltene, – ja bei Ihrer vorzüglichen Vorbildung und Ausstattung einzige – Gelegenheit, diesen mesozoischen Erdtheil gründlich zoologisch zu erforschen, möglichst ausbeuten wollen. Sicher wird es Ihnen am entsprechenden Erfolge – je länger, je mehr! – nicht fehlen können! ||

Ihre Kisten, die in Bremen wohlbehalten angekommen sind, erwarten wir mit großer Spannung in den nächsten Tagen. – Nach eingehender Besprechung mit Prof. Fürbringer sind wir Beide zu der Überzeugung gelangt, daß Sie Ihre Reise am besten bis über den ganzen nächsten Winter ausdehnen und erst Ostern 1893 zurückkehren. Den Urlaub dazu werden wir Ihnen verschaffen, und ebenso die nöthigen Geldmittel. Eine Rückkehr mitten im Winter würde sicher der Gesundheit wegen nicht rathsam sein; und der anatomische Unterricht wird auch in der zweiten (ohnehin schlechteren) Hälfte des Winter-Semesters ohne Ihre (– sonst höchst schätzenswerthe! –) Mitwirkung zu absolviren sein. – ||

Ihr Plan, im Sommer nach dem Burnett zurückzukehren und dort unter den Ihnen nun schon bekannten höchst günstigen Verhältnissen die ontogenetischen Studien über Monotremen, Marsupialien und vor Allem Ceratodus zu vollenden, ist gewiß der beste und wird sicher die erfreulichsten Resultate liefern. Dann können Sie immer noch den folgenden Winter (von Nov. 92 – März 93) für den malayischen Archipel und Indien verwenden, und im April 93 von Bombay (oder Colombo) direct zurückkehren. Eine so herrliche Gelegenheit wie Sie jetzt haben, kehrt gewiß nicht wieder, und ich kann Ihnen nur wiederholt rathen, dieselbe mit möglichster Ausdauer und Energie gründlichst auszunutzen! ||

Der Ertrag der Ritter-Stiftung für 1892 ist leider größtentheils durch ein beträchtliches Deficit von Institut, Sammlung und Bibliothek absorbirt. Ich kann Ihnen daher für dieses Jahr nur 2000 Mk zur Disposition stellen, welche ich bereits durch das Univ. Rentamt an Ihren Banquier nach Berlin habe absenden lassen. Dagegen werde ich für 1893 wieder eine größere Summe flüssig machen können, so daß Sie darauf hin schon jetzt sich die nöthigen Auslagen gestatten können. Auch für Sammlung werthvoller Sachen sparen Sie Nichts, ebenso wie für sicheres Reisen und bequemes Arbeiten; ich werde sehen, auch von Herrn von Ritter selbst noch einen directen Beitrag zu erlangen. ||

II.

Aus unserem lieben Jena folgenden Trimester-Bericht:

I. Quartal 1892 schauderhaft! kalt und naß, besonders aber dreckig! Influenza-Epidemie I. Classe, die Hälfte des academ. Personals befallen. Meine Frau wurde so elend, daß wir beschlossen, am 1. April nach San Remo zu reisen. Das herrliche Klima hat uns ganz restaurirt; wir hatten dort einen prachtvollen April-Frühling; aber am 1. Mai von Bebra bis Jena wieder tiefen Schnee!

– Mitte April starb der arme Prof. K. Frommann endlich, nach schwerem Leiden (Herzfehler, Hydrops, Thrombose, Pneumoni). Nach L. Müllers (schmunzelnder!) Mittheilung war er der „schwerste“ aller ihm passirten Cadaver, 125 Kilogramm. ||

Im Baeren grassirt das gefährlichste Verlobungs-Fieber: 1. Seelhorst (mit Cousine), 2. Leitzmann (mit „Jugendfreundin“), 3. Wolff (mit rhein. „Metall“-Ingenieurs Tochter) 4. Thomae (mit Schwerter von Cousine).

– Der „edle“ Hamann hat ein dickes Buch gegen den Darwinismus geschrieben, in dem „Gott der Herr“ als alleiniger Schöpfer [des] Himmels und der Erden gepriesen wird (ich bekomme die verdienten Fußtritte!) Er ist dafür in Berlin Professor und Königl. Bibliothekar geworden!

– Heute ist I. Abend der „Schweizer Höhe“, wobei wir Ihrer natürlich getreulichst gedenken werden.

– Kreffts‘ Catalog der Austral. Vertebraten hatte ich vor 2 Monaten für Sie angeschafft und sende ihn mit Waterhouse etc nächsten Tage.

Herzlichste Grüße Ihr treuer E. Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-05-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32669
ID
32669