Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Max Fürbringer, Jena, 21. Mai 1903

Jena, 21. Mai 1903

Lieber Freund!

Für Deinen lieben Brief und die Sendung des „Minot“ (Gracula religiosa, von Ilissiana) meinen besten Dank. Leider kann ich Deinen Wunsch betreffend den unglaublichen Brief von Rabl (von 1896?) nicht erfüllen; ich habe dies charakteristische Document irgendwo besonders deponiert und kann es jetzt in dem Chaos solcher „Memoranda“ nicht wiederfinden.

Ich erinnere mich aber des Inhalts genau. Nachdem ich Rabl meine „Systematische Phylogenie“ (1895) geschickt, erwiderte mir mein „dankbarer Schüler“, dass er dieses missglückte Product sehr bedaure: „Schreiben Sie doch nicht über Sachen, von denen Sie nichts verstehen“!! –

Es scheint jedoch, dass Rabl darin Recht hat und dass die meisten meiner „lieben Schüler“ seine Ansicht theilen. Wenn ich Dich und Braus, Semon und Lang ausnehme, finde ich, dass die Besten (namentlich auch beide Hertwigs) die Systemat. Phylogenie grundsätzlich ignorieren. Wenn dieses Buch auch sehr viel Irrthümer enthält, so sind doch auch viel neue Gedanken darin, und wie ich glaube auch manche brauchbare und vielleicht wichtige. Sehr schmerzlich war es mir, dass auch Gegenbaur dasselbe ignorierte, da einige meiner neuen Auffassungen nur weitere Entwicklung und Ausführung von Gedanken-Gängen waren, die wir früher oft in gemeinsamen Gesprächen eingehend erörtert hatten. Ueberhaupt will ich Dir nicht verschweigen, dass die bedauerliche Scheidung von Gegenbaur, mit dem ich durch 47 Jahre durch die engste persönliche und wissenschaftliche Freundschaft verbunden war, unter allen den vielen Enttäuschungen meines Lebens zu den schmerzlichsten || gehört. Es ist schwer zu begreifen, wie dieser grosse Mann mir an seinem 74sten Geburtstage die Thüre weisen konnte, nachdem er 4 Jahre vorher mich allein unter allen Gratulanten zum 70sten Geburtstage empfangen hatte! Und das angeblich allein, weil ich das „Schundbuch“ der „Welträthsel“ verbrochen hatte, das er selbst nicht einmal angesehen hatte! Vielleicht benutzt Rabl diese bekannte Thatsache, um über G. und mich gemeinsam den Stab zu brechen! –

Von uns ist nichts Erfreuliches zu berichten. Der plötzliche Tod der armen Frau Detmer (51 J.) an einer räthselhaften Infection (mit acuter Anaemie) hat uns sehr betrübt. –

Meiner Frau geht es jetzt besser, aber der psychopathische Zustand unserer jüngeren Tochter macht uns starke Sorgen.

Ich bin ziemlich mürbe, da ich die ganzen Osterferien ohne Unterbrechung gearbeitet habe.

Die Pfingstwoche will ich – wenn möglich! – in die Einsamkeit der „Böhmischen Wälder“ flüchten, oder ins Fichtelgebirge.

Mit besten Grüssen von Haus zu Haus

Dein treuer alter

E. Haeckel.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
21-05-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, 32360
ID
32360