Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Max Fürbringer, Jena, 6. November 1901

Jena, 6.11.1901.

Lieber Freund!

Die Uebersendung meiner „Insulinde“ giebt mir endlich die dringende Veranlassung zur Beantwortung Deines letzten lieben Briefes. Ich danke Dir für denselben bestens, ebenso für die guten Rathschläge betreffend das Material von Semon’s Sammlung, die ich befolgen werde.

Meine Herbstferien waren kurz. Den ganzen August und September hatte ich Clausur-Arbeit im Zool. Institut und ordnete die Sammlungen (46 Kisten), die ich von Insulinde mitgebracht hatte. Der Rest der Zeit ging auf Druck und Correktur des Buches, das in 5 Wochen fertig gestellt wurde.

Am 6. October fuhr ich nach München, wo am 8. die Hochzeit meines Sohnes stattfand – (in sehr bescheidenem Umfange, in Summa 15 Personen bei Tisch). Meine arme Frau war leider 8 Tage zuvor wieder an ihrem alten Herzleiden erkrankt und musste von Emma gepflegt werden; Beide mussten zu Hause bleiben. Von München machte ich einen kurzen Abstecher nach Basel und Zürich; und besuchte auf der Rückreise das junge Ehepaar in ihrem reizenden neuen Wohnsitze, Sonthofen, in den Algäuer Alpen. Beide sind in dieser Alpen Idylle sehr glücklich und scheinen vortrefflich zusammen zu passen. In München, Basel und Zürich sprach ich eine ganze Anzahl Collegen, Alle entsetzt über die wunderbare „Psychologische Metamorphose“ („Welträthsel“ S. 107) von Oskar Hertwig; er wird bereits von Driesch, Dennert u. A. als gewichtigster Gegner des Darwinismus und der Phylogenie, sowie als Vitalist gefeiert! Sic transit gloria mundi! –

„Die Palaeontologie beweist nichts! Die Descendenz-Theorie ist eine blosse Hypothese ohne empirische Begründung! Die Homologien haben keine phylogenetische Bedeutung!“ etc. etc. ||

Richard Hertwig, den ich darüber interpellirte, vertheidigte seinen lieben Bruder! – Unsere Freunde (Lang, Ruge in Z.) – ebenso Sarasin in B., Kupffer, Semon, Goebel in M. – theilten meine Ansicht. Das „Handbuch" von O. H., an dem auch Braus und Maurer mitarbeiten, wird eine „nette“ Sammlung werden!

Durch Maurer hörte ich zu meiner Freude, dass es Gegenbaur wieder besser geht; und dass bei Euch Alles nach Wunsch ist.

Das V. und VI. Heft der „Kunstformen“ sende ich Dir demnächst. Hoffentlich ist Euer neues Haus unter Dach.

Mit besten Grüssen an Deine liebe Frau und Kinder

Dein alter

E. Haeckel.

P.S. Semon und Frau fand ich wohl und arbeitslustig vor.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
06-11-1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32348
ID
32348