Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Max Fürbringer, Messina, 25. Februar 1893

Messina, 25. Februar 1893.

Lieber Freund!

Unsere 70stündige Eisenbahn-Fahrt von Jena nach Messina ist glücklich von Statten gegangen; meine Frau hat sie gut ausgehalten, ebenso wie ich selbst – auf 6 Tage vertheilt! Am 16. Februar (– an dem ich mein 60stes Lebensjahr antrat! –) nach München, 17. nach Trient, 18. nach Rom. Am Sonntag (19.) hatten wir in Rom einen sehr interessanten Tag – zufällig das 50jährige Priester-Jubiläum des Papstes! Seine Heiligkeit nahm unsere Glückwünsche (unsichtbar!) entgegen. Tausende von Pilgern warteten umsonst auf seinen Anblick! Nachmittags bei schönstem Wetter grosser nationaler Corso auf dem Monte Pinio, wobei wir König und Königin von Italien sahen (beide vom Publicum stürmisch begrüsst!). –

Am 20. fuhren wir in 6 Stunden nach Neapel, wo wir nur 1 Tag blieben. Am 21. von dort in 22stündiger Eisenbahn-Fahrt (über Metaponto) nach Reggio (vortrefflicher amicanischer Schlafwagen: Pullman-Car).

Mittwoch 22. Mittags trafen wir wohlbehalten hier ein und fanden im Hôtel Trinacria (wo gewöhnlich die Zoologen wohnen) leidliche Unterkunft, 2 Zimmer mit herrlicher Aussicht auf Meer und Calabrien (allerdings 3 Treppen hoch!). –

In den 33 Jahren, seitdem ich Neapel und Sicilien nicht gesehen, hat sich Alles ganz colossal verändert: eine andere Generation! Die alte Poesie ist allerdings vielfach verschwunden; aber Civilisation und Ordnung sehr gestiegen. Das geeinigte Italien ist ebenso fortgeschritten wie das geeinigte Deutschland. Die Stadt Neapel erkannte ich kaum wieder. Von der alten deutschen Colonie in Messina, (die 1860 ziemlich stark war) ist fast Niemand mehr da. Aber die herrliche Natur, die blaue Meerenge, und || darüber der schneebedeckte Aspromonte, sind dieselben geblieben, und erfreuen uns täglich. –

Am Freitag (24.) Abends dachte ich mit Sehnsucht und Wehmuth des schönen Ref.-Abends bei Freund Müller, und der herrlichen Rostbratwürste nebst Bockbier, die mir entgingen. Bitte die Jenaer Freunde, speciell vom Referir-Abend, bestens zu grüssen. Adresse hier: Hôtel Trinacria. –

Die Plankton-Fischerei scheint gut zu werden und meinen Wünschen zu entsprechen. Die schreckliche Plackerei mit Laborat. Einrichtung, Gläsern etc. ist glücklich vorbei! Leider kostet der Liter Spiritus 3 Fra.! (90 gradiger 2½). Wetter noch wechselnd, ziemlich kühl. Bis Florenz hatten wir viel Schnee!

Hoffentlich geht es Euch gut. Mit besten Grüssen von Haus zu Haus

Dein treuer E. Haeckel.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
25-02-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32286
ID
32286