Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers , Jena, 18. Juli 1886

Villa Haeckel. Jena, den 18 Juli 1886

Liebster Allmers !

Dein lieber Brief vom 9 d es M onats mit Schilderung Deiner schönen Reise hat uns sehr erfreut; wir waren aber nicht wenig erstaunt, zu hören, daß Du fast ein halbes Jahr in Nord- und Süd-Deutschland umhergewandert! Wie schön, daß Du bei Deinem Alter Dir noch diese frische und frohe Wanderlust bewahrt hast, und die Freude an All dem hohen und herrlichen, das Natur und Menschenwelt, trotz Pessimismus , überall bietet. ||

Für mich war dieses letzte Vierteljahr auch hocherfreulich. Am Osterfest wurde ich durch die Mittheilung überrascht, daß ein enthusiastischer Bewunderer meiner Anthropogenie u nd „Natürl iche Schöpfungsg eschichte Paul von Ritter in Basel (aus Lübeck stammend) der Universität Jena 300,000 M ar k geschenkt habe „zur Förderung des Studiums der phylogenetischen Zoologie“ , über deren jährlichen Rein-Ertrag ich allein zu verfügen habe, vorbehaltlich der Genehmigung der Regierung. Im Laufe der beiden letzten Monate habe ich darüber viel Schreiberei und Mühe gehabt; jetzt ist aber Alles glücklich in Ordnung, und höchst angenehm gestaltet. ||

Der edle Stifter war zu Pfingsten hier und in Weimar . Wir ernannten ihn zum Dr. phil., der Großherzog zum Comthur des „Weißen Falkens “ Ordens. Zweimal war ich zur Großherzogl ichen Tafel. 130,000 M ar k wurden in Weimar baar übergeben, 170,000 sollen nach dem Tode des Stifters folgen. Somit disponire ich jetzt jährlich über 4500 M ar k Zuschuß. Davon wird zunächst (mit 2000 M ar k) eine neu gegründete „Ritter-Professur“ besoldet, welche zunächst mein langjähriger treuer Schüler, Dr. Arnold Lang erhalten hat. Derselbe übernimmt zunächst das Zoolog ische Laboratorium und einen Theil meiner Vorlesungen. Dadurch werde ich sehr entlastet und bekomme freie Zeit für wichtigere Arbeit. || Mein zweiter Assistent wird als Custos des Zoolog ischen Museums mit 600 M ar k angestellt. Der Rest (etwa 2000 M ar k) soll vorzugsweise für Zoolog ische Reisen verwendet werden. Unter diesen angenehmen Verhältnissen vertausche ich meine jetzige Stellung im lieben Jena für kein Königreich!

– Am 1. August gehe ich auf 8 Tage nach Heidelberg zum Jubilaeum , dann auf 3 Wochen in die Schweiz. In der zweiten Hälfte Sept ember werde ich in Berlin (etwa von 20–28) die Ausstellung genießen, u nd hoffe Dich dort zu treffen; die ganze Familie geht mit. Walter , der jetzt in den Ferien hier ist, läßt Dich herzlichst grüßen; er entwickelt sich sehr erfreulich. Auch Frau u. Töchter grüßen bestens.

Für Deine schöne Alpen-Dichtung aus Partenkirchen noch besonderen Dank!

In alter Treue Dein Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-07-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Landkreises Cuxhaven, Otterndorf
Signatur
NL Hermann Allmers
ID
32220