Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Johannes Lachmann, Würzburg, 30. Juli 1856

Würzburg 30/7 56.

Mein lieber Lachmann!

Indem ich mich hinsetze, um Dich zu Deinem Geburtstage zu begrüßen, und mich besinne, was ich Dir denn eigentlich dazu wünschen soll, finde ich, daß letzteres, nämlich der Glückwunsch, eigentlich sehr überflüssig ist.

Denn Du scheinst mir in der That als besonderer Liebling der Fortuna jetzt so sicher und tief in ihrem Schooße zu sitzen, daß einem nichts übrig bleibt, als Dir höchstens eine recht lange und ungestörte Fortdauer dieses seeligen Zustandes zu wünschen. Das soll denn auch mein herzlichster Wunsch sein; mögen Dir äußerst günstige und angenehme Verhältnisse, in denen sich Dein Verstand und Dein Gemüth, Deine wissenschaftlichen und Deine Herzens-Neigungen gegenwärtig mit Recht so befriedigt fühlen können, in unverminderter Kraft-Fülle ausdauern und Dir die reichen Früchte tragen, welche Du von ihnen zu erwarten berechtigt bist. Was war das verflossene Jahr nicht folgenschwer und inhaltsreich für Dich! Du wirst ihm darin wohl kein früheres an die Seite stellen können. Die köstliche Stellung zu unserm göttlichen Johannes Müller, die unbegrenzte Fülle wissenschaftlichen Materials, die sich Dir dadurch erschlossen hat, die herrliche Reise nach Norwegen, der Kreis zahlreicher wohlwollender Gönner und liebenswürdiger Freunde der Dich jetzt in Berlin umgiebt und endlich vor Allem der alle anderen Glücksgüter überstrahlende Stern, der Dir in dem Erwerb der liebenswürdigsten Braut aufgegangen ist, − dies Alles, Alles hat sich im Laufe dieses einzigen verflossenen Jahres zusammengefunden, um es zum glücklichsten Deines Lebens zu machen. Mögen sich die segensreichen Folgen desselben in der ausgedehntesten und reichsten Fülle und Fruchtbarkeit für Dich daraus entwickeln! − ||

Von hiesigen Verhältnissen und Zuständen wüßte ich Dir diesmal wenig zu schreiben, da sich nicht viel Neues zugetragen hat, was Dich interessieren dürfte. Am meisten vielleicht noch das Gartenfest, welches wir Virchow am 19/7 gaben, und welches ich Dir etwas genauer schildern will, da der Kleine, welcher dabei eine Hauptrolle spielte, dies vermuthlich nicht thun wird. Das Fest begann damit, daß die Theilnehmer (120 Studenten und Doctoren; alle Corps etc. halten sich ausgeschlossen, sowie auch viele Süddeutsche und namentlich Baiern!) sich in dem festlich decorirten und erleuchteten „englischen Garten (vor dem Pleichacher Thore) versammelten und Virchow mit lautem „Hoch“ bewillkommneten, welcher dann jeden einzeln kurz begrüßte. Als Gäste waren nur die hiesigen Universitätsdocenten und Professoren geladen, jedoch, mit Ausnahme der Medicin, wenig zahlreich erschienen. Gegen 8 Uhr setzten wir uns zu Tisch in dem sehr hübsch mit Guirlanden, Teppichen und Statuen verzierten Saale des innern Raumes, da das Sitzenbleiben im Garten wegen des etwas unsichern Wetters zu bedenklich schien. Die eigentliche Feier begann nun damit, daß unser lieber Kleiner, als einstimmig erwählter Präsident vom Comité, vortrat und Virchow den prachtvollen silbernen Pokal überreichte, von einem Walter Strube (in Leipzig) gearbeitet. Die längere Rede, welche er dabei hielt, war ausgezeichnet und erregte nicht nur bei den Studenten, sondern auch den Professoren, die höchste Sensation und Bewunderung, so daß viele der ersteren (im eigentlichsten Sinn des Wortes!) zu Thränen gerührt wurden. Er verband aber auch die herzlichen und gemüthlichen Beziehungen mit dem a mehr objectiven Verstandes-Verhältniß, welches wir zu V. als Quelle unserer wissenschaftlichen Kenntnisse und rationellen Ansichten einnehmen, in so überraschend zarter und feiner Weise, daß ich nie eine feinere und künstlichere und dabei doch so natürliche herzliche ansprechende Rede gehört zu haben meine. Ich für meine Person war natürlich von dem Werke unsers Kleinen aufs Höchste entzückt und sie gefiel mir in mancher Beziehung weit besser, als || die folgende Antwort Virchows, in welcher er, wie gewöhnlich, alle und jede Beziehung des Gemüthes und Herzens, alle und jede Äußerung seiner subjectiv fühlenden Seele gänzlich aus dem Spiele ließ und sich lediglich ganz objectiv auf seine Verhältnisse zur Wissenschaft beschränkte, welche er denn freilich in sehr ausführlicher und glänzender Weise erörterte. Ganz wider unser Erwarten legte er dabei ein höchst ausführliches wissenschaftliches Glaubensbekenntniß b ab, was uns alle, namentlich in der ausgeführten Detaillierung, sehr überraschte und erfreute. Das Wesentlichste und meiner Ansicht nach auch Richtigste war, daß er „das rücksichtslose Streben nach Wahrheit“ als den wesentlichsten und bestimmendsten Grundzug seines Characters darlegte, der alle seine Gedanken und Handlungen leite, und von dem aus er sie auch beurtheilt wissen wolle. – Nach dem feierlichen Souper folgte ein sehr gemüthliches, bis nach 2 Uhr dauerndes Bierkneipen mit Musik, Gesang, Toasten, schlechten Witzen etc., das im Allgemeinen sehr fidel war.

Der Kleine, Kramer und ich hatten uns einen Tisch erwählt, an dem mehr Bremenser und andere Norddeutsche saßen, sehr nette, muntere Burschen, und die einzigen, mit denen wir sonst noch etwas bekannt sind. Es wurde bald sehr lebhaft und munter, besonders nachdem Kölliker, der diesen Abend sehr liebenswürdig und nett war, sich zu uns gesetzt hatte. Es war ungefähr so ein Abend, wie in der ersten Zeit unseres medicinischen Kränzchens. Dabei machte mir Kölliker ganz unerwartet wiederholt auf die freundlichste Weise einen Antrag, welcher mir die Herbstferien, von denen ich diesmal gar nichts erwartet hatte, sehr zu versüßen verspricht und der mich mit einem Mal in einen ganzen Himmel von Hoffnungen und Plänen versetzte. Er theilte mir nämlich mit, daß er und H. Mueller den Plan hätten, am 16/9 zur Naturforscherversammlung nach Wien und von da auf einige Wochen nach Triest zu gehen und forderte mich sehr freundschaftlich auf, sie zu begleiten. Daß mich diese hoffnungsvolle Aussicht wie ein elektrischer c Funke durchzuckte, und ich meinerseits augenblicklich bereit war, auf den Vorschlag einzugehen, kannst Du Dir denken. Das einzige Hinderniß schien die Nothwendigkeit zu sein, meine hiesige Assistentenfunction zu dieser Zeit bis zum || Oktober noch verwalten zu müssen. Indeß hat diese sich neuerlichst auch aufgelöst, da Grohé, mit dem ich jetzt ganz leidlich mich vertrage, bereit ist, mich dann zu vertreten. Natürlich sind nun mit einem mal alle meine Bestrebungen, Gedanken und Sinne auf Triest gerichtet. Die patholog. Anatomie hat ihr Interesse verloren und die vergleichende ist in ihre alten Rechte wieder eingesetzt, welche sie auch nun jedenfalls im ersten Rang ohne alle Abwechslung bei mir dauernd in perpetuum behaupten wird. Das einzige, was unsere Pläne noch ungewiß macht, ist die Cholera. Falls nämlich diese wieder in Triest erscheint, so will Koelliker statt dessen nach Nizza gehen, wohin ich ihn natürlich nicht würde begleiten können. Was ich in Triest aber Specielles vornehmen werde, ist mir bis jetzt noch unklar; am liebsten möchte ich, zugleich zur Dissertation, ein histologisches Thema vornehmen, vielleicht die Histologie der Crustaceen, da ich mich in letzter Zeit etwas mit derjenigen von Astacus fluv. abgegeben habe. Vielleicht kannst Du mir bezüglich dieses Punkts Deinen sehr werthen Rath ertheilen. Überhaupt möchte ich Dich dringend bitten, d von Deinen zahlreichen und wichtigen Erfahrungen, die Du während Deines Triester Aufenthalts gemacht hast, mir möglichst viel zu Gute kommen zu lassen, mir also vorzüglich die Quellen der dortigen Zoologie die Mittel des Fischfangs etc., die literarischen und sonstigen Hilfsmittel, die Specialwerke über Triester Fauna, ferner einiges über das dortige Leben etc. anzugeben, da ich in allen diesen Punkten völlig unbewandert bin.

Ferner bitte ich Dich um Beantwortung folgender Fragen: Ist das Leben in Triest theuer und wieviel würde ich etwa für 4 Wochen brauchen? – Wie hast Du Deine Hin- und Rückreise nach Triest eingerichtet? Was hattest Du in Norwegen für literarische Hilfsmittel (Handbücher etc.) und was für microscopische anatomische mit, und was kannst Du mir in dieser Hinsicht empfehlen? || Was wirst Du denn eigentlich in den Ferien beginnen? Wirst Du mit Johannes M. eine Reise machen? Und wohin? Virchow kommt in den Ferien mehrere Wochen nach Berlin. Wann? weiß ich aber noch nicht. Alles kündigt jetzt hier schon den ersehnten Schluß des Semesters an. Auch ich bin herzlich froh, daß es vorbei ist und ich endlich einmal dazu kommen werde, etwas für mich zu arbeiten. Die pathologische Anatomie werde ich mit diesem Sommer wohl abgefertigt haben und werde mich mit allen Kräften der vergleichenden wieder zuwenden. Über unser heutiges Leben wird Dir der Kleine wohl berichtet haben. Ich bin herzlich froh, daß ich diesen lieben prächtigen Menschen hier habe und zwar zum täglichen Umgang. Sonst stünde es wirklich sehr traurig um mich. Mit meiner Stellung zu Virchow bin ich jetzt ganz zufrieden, obwohl natürlich nicht die Spur Herzliches und Gemüthliches dabei ist. Wie glücklich bist Du doch dagegen mit Deinem herrlichen J. M. daran!

– Hast Du denn eigentlich meine beiden letzten Brief bekommen, den großen, worin ich Dich mit meiner offensten Herzensergießung über die besprochene Herzensangelegenheit überschüttete? Und dann den zweiten kleinen, worin ich das Microscop bei Schinck wieder abbestellte? Schließlich habe ich noch eine große Bitte, nämlich ob Du mir vielleicht bei Dr. Oschatz 2 oder 3 solche Kästchen mit Object und Deckgläsern für microscopische Präparate (N. B. von der geringsten und billigsten Sorte) sowie ein wenig Lack zum Verkitten derselben besorgen wolltest. Doch fällt mir da eben ein, daß Du dies auch noch anstehen lassen kannst, da ich mir wahrscheinlich zur Triester Reise (falls sie je zu Stande kömmt??) doch noch mehreres aus Berlin werde kommen lassen müssen. ||

Von unsern früheren Freunden kannst Du uns auch mal bald wieder Nachricht zukommen lassen. Man hört ja gar Nichts davon. Claparéde geht wohl nun auch bald nach Hause? Grüße ihn, Lavalette, Passows, Heins und wen Du sonst von meinen Freunden siehst, herzlichst.

Den inliegenden Brief bist Du wohl so gut, gelegentlich an meinen Freund Ernst Weiß oder auch bei Prof. Weiß, falls Du jenen nicht bald sehen solltest, abzugeben. Mit dem herzlichsten Gruß und dem überflüssigem Wunsche, daß Du den Geburtstagsabend bei Passows recht vergnügt, glücklich und glückselig verleben mögest, Dein treuer alter

Ernst Haeckel

a gestr.: Verhältniß; b gestr.: der; c gestr.: Gedanke; d gestr.: mir

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-07-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 31893
ID
31893