Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Johannes Lachmann, Würzburg, 20. Februar 1856

Würzburg 20/2 56.

Mein lieber Blasius!

Zuvörderst habe den herzlichsten Dank für Deine liebevollen Glückwünsche zu meinem Geburtstag, welche mir, nachdem ich so lange gar Nichts von Dir gehört hatte, so daß ich beinah dachte, Du hättest mich inmitten Deiner Berliner Glückseeligkeiten ganz vergessen, doppelte Freude gemacht haben. Ich weiß, daß sie aus einem treuen, wohlwollenden Herzen kommen und ich denke, Du wirst mir diese freundschaftlichen Gesinnungen auch fernerhin bewahren, besonders da ich inzwischen einen ernstlichen Anfang gemacht habe, Mensch zu werden, was allerdings auch mal hohe Zeit war. Ich hoffe, ich werde Dir in der bevorstehenden Zeit unseres Zusammenseins, auf die ich mich sehr freue, bedeutend genießbarer, als früher, vorkommen; wenigstens ist es mein fester Vorsatz, dies immer mehr zu werden; und ich hoffe, Du wirst Dich auch die Mühe, mich noch ein bischen zu erziehen helfen, nicht verdrießen lassen.

– Doch um auf Deine Hauptangelegenheit zu kommen, nämlich was die Beherbergung unsers lieben Kleinen betrifft, so war es allerdings sehr nothwendig, daß Du alle Kunst und Gewalt Deiner beredsamen Feder anwendetest, um den darüber hier schon gefaßten Beschluß wieder wankend zu machen und endlich nach Eurem Willen umzustoßen. Ich hatte es mir nämlich so hübsch ausgemalt und auch dem Kleinen so plausibel vorgestellt, während der Zeit seines Berliner Aufenthalts bei uns sein Domizil zu nehmen, daß ich gar nicht mehr an der Erfüllung dieses Wunsches zweifelte. Da kommen nun mit einem Male Eure gewaltigen Bittschriften angestürmt und wollen das kleine Herz für Euch erobern. Solchen Bitten muß man sich denn freilich wohl nolens-volens fügen. Ich meinerseits habe möglichst unpartheiisch || dem lieben Kleinen die ganzen Verhältnisse auseinander gesetzt und hoffe mir dadurch Euren Dank verdient zu haben.

Freilich ist leider unsere jetzige Wohnung vom Centrum der Stadt etwas sehr abgelegen. Anderenfalls glaube ich aber doch, daß es in mancher Hinsicht für den Kleinen selbst bequemer gewesen wäre, sein Quartier bei uns aufzuschlagen, da Ihr ihm in Eurem kleinen Stübchen zwar denselben guten Willen, aber schwerlich dieselbe häusliche Bequemlichkeit bieten könnt. Doch da er selbst es jetzt ausgeschlagen hat, kann ich ihm und mir nicht helfen und ich muß zusehn, daß ich unser Zusammensein, das hoffentlich recht nett und gemüthlich sein wird, möglichst genieße.

Wir werden wohl den 7ten März abreisen. Ich komme erst ein paar Tage später in Berlin an, da ich in Leipzig und Halle noch mehrere Freunde, die ich sobald wohl nicht wieder sehn werde, besuchen will. In Halle werde ich auch Burmeister und Max Schultze meine Visite machen. Du kannst Dir inzwischen für mich ein Thema zu meiner dissertatio inaug. ausdenken, die ich in diesem Sommer sub tuis Johannisque Auspiciis zu Stande zu bringen hoffe. Am liebsten bearbeitete ich die Entwicklungsgeschichte einer beliebigen Bestie. Sonst nehme ich auch wohl ein vergleichend histologisches Thema. An Stoff fehlts freilich nicht; überall der erdrückende Überfluß – aber wenn ich nur wählen könnte!

Daß ich mich hier inzwischen mit der pathologischen Anatomie so innig befreundet habe, zu der ich gar keine Neigung, oder vielmehr, vor der ich (wie vor so Vielem) eine Menge Vorurtheile hatte, hast Du wohl durch meine Eltern erfahren. Da müßte man aber auch wirklich ein ganz interesseloses pecus sein, wenn man bei dem göttlichen Virchow, der durch seine köstliche wie naturwissenschaftliche Methode mich ganz entzückt, nicht dafür sich interessieren sollte. || Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich jetzt für Virchow schwärme. Nächst dem Johannes „dem Einzigen“, der natürlich immer summus summorum bleibt, nimmt er den ersten Platz in meiner wissenschaftlichen Herzkammer ein. Verdanke ich es ihm doch allein, daß er innerhalb eines Jahres mich vermocht hat, eine ganz andere Lebensrichtung einzuschlagen, eine Masse Einseitigkeiten abzulegen und mich zu dem mir so nothwendigen und heilsamen Studium der Medicin zu bekehren, das mir ohne ihn schrecklich und ganz ungenießbar geblieben wäre. Ich genieße ihn auch jetzt noch auf alle mögliche Weise, sowohl in seinen Cursen, als seinen Schriften. Das Archiv habe ich beinah ganz durchstudirt und die gesammelten Abhandlungen lese ich jetzt mit dem größten Interesse.

− Während ich so wissenschaftlich das hier verlebte Jahr zu den für mich fruchtbarsten rechnen muß, ist dies dagegen in allgemein menschlicher Beziehung weniger der Fall, da ich im Winter im Ganzen sehr zurückgezogen gelebt und namentlich das gesellige Familienleben mit dem ich Winter 54/55 so überhäuft war, ganz entbehrt habe. In dieser Beziehung muß ich jetzt vor Deiner gewaltigen Person wohl großen Respect haben, da Du Dich dem Vernehmen nach zu einem wahren lion der Berliner wissenschaftlichen und geselligen Kreise emporgeschwungen hast (!). –

Doch darüber, so wie über so Vieles, Vieles Andere mündlich Näheres! Will mir doch die Feder gar nicht mehr ordentlich gehorchen, da ich unsere persönliche Zusammenkunft nun so nahe bevorstehend weiß. Wie außerordentlich freue ich mich, auch mit Dir altem Haus mich ordentlich ausplaudern zu können, besonders über unsere grandiosen Reisen, die gewiß bei uns beiden den Glanzpunkt unsers Leben bilden, meine kann sich freilich der Deinigen kaum an die Seite stellen!

Nun, also auf ein recht herzliches und frohes, baldiges Wiedersehen.

In alter treuer Freundschaft

Dein Ernst Haeckel.

An alle Freunde die herzlichsten Grüße. ||

[Adresse:]

Herrn Doct. Med. | J. Lachmann | Konservator des anatomischen Museums. | Hochwohlgeboren. | Berlin | Mittelstraße 64 | 2 Treppen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-02-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Berlin
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 31889
ID
31889