Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Johannes Lachmann, Würzburg, 8. Juni 1856

Würzburg 8/6 56

Mein lieber Blasius!

Schon mehr als ein mal habe ich einen Brief an dich in Gedanken fertig gehabt und es hat bisher nur an den schweren Entschluß, ihn zu Papier zu bringen, gefehlt. Endlich bietet mir die Vollendung der beifolgenden Photographie eine passende Gelegenheit, die längst aus ausgebrüteten Gedanken endlich einmal ausschlüpfen zu lassen. Zunächst habe ich dich noch um Verzeihung zu bitten, daß ich Dich am Tage meiner Abreise, wo der böse Finger dich armen Patienten hinderte, uns zu besuchen, nicht mehr aufgesucht habe. Ich hatte aber so viel mit Aufräumen, Packen etc. zu thun, daß ich gar nicht mehr in die Stadt kam, trotzdem ich noch mehreres Nothwendige zu besorgen hatte.

Nun hoffentlich ist dein Finger ganz wieder gut. Wenigstens schließe ich dies daraus, daß du dem Kleinen nichts davon geschrieben hast. Der letztere wird Dir von unserem gemeinsamen Zusammenleben wohl schon Manches mitgetheilt haben und ich beschränke mich daher in meiner bekannten Egoisten-Manier hier darauf, Dir Einiges mehr meine persönlichen Verhältnisse Betreffendes mitzutheilen. Was zunächst die Hauptsache betrifft, nämlich das Verhältniß zu meinem hochverehrten Chef, so hat a sich dasselbe b im Allgemeinen bisher ziemlich so gestaltet, wie ich es mir vorher vorgestellt. Manches ist noch besser, manches freilich auch schlimmer. Daß es sowohl in wissenschaftlicher als menschlicher Beziehung für mich sehr heilsam und fruchtbar, wenngleich nicht sehr angenehm sein würde, war vorauszusehen. In ersterer Hinsicht würde es freilich noch viel wichtiger und folgenreicher für mich sein, wenn ich wirklich ex professo pathologischer Anatom werden wollte. Leider ist dies aber, wie Du weißt, nicht der Fall, und meine zoologischen resp. vergleichend anatomischen Neigungen, || von denen man gehofft, (resp. gefürchtet) hatte, daß sie unter Virchows Einfluß heftig degenerieren und endlich in einer unkenntlichen Detritusmasse sich auflösen würden, sind im Gegentheil kräftig fortgewuchert und nehmen je länger je mehr an Extension und Intension zu. Wie auf ein gelobtes Land freue ich mich täglich schon auf die Zeit, wo ich nach vollbrachtem Staatsexamen (Ostern 1858) mich ganz und gar ungehindert meinen zoologischen Lieblingsstudien werde zuwenden können. Nichts desto weniger ist es mir doch sehr angenehm, daß ich jetzt vorher auch noch auf einem andern Felde der Naturforschung (das mir übrigens für jene spätern Absichten vielleicht noch viel recht nützlich sein wird) mich ordentlich auszubilden Gelegenheit habe und insbesondere bin ich sehr froh darüber, daß ich endlich einmal dazu komme, auch die normale menschliche Anatomie, in der ich in mancher Hinsicht sehr nachlässig gewesen war, ordentlich loszukriegen, und an Material dazu fehlt es jetzt mir natürlich ebenso wenig, als an Fleiß.

Viel weniger angenehm, als diese allgemeinen anatomischen Studien, sind mir meine speziellen dienstlichen Funktionen, zum Theil wenigstens. Das Dictiale bei den Sektionen nachzuschreiben ohne irgend etwas davon zu sehen, ist natürlich nicht sehr angenehm. Auch sonst sind gar Mancherlei Mechanische, nicht gerade geistreiche Geschäfte damit verbunden. Doch würde ich das Alles recht gern besorgen, da es für einen so unpractischen Kerl c wie mich, gewiß sehr nützlich ist, wenn nicht eine Person mir dabei überall im Weg stünde, meine Bemühungen vereitelte und deren Frucht für sich abschöpfte. Dieser leidige Stein des Anstoßes, der mich manchmal zur Verzweiflung bringen könnte, mit dem ich mich aber doch nolens volens noch vertragen muß, ist mein Vorgänger im Amt, Herr Grohé, den Du ja vielleicht auch noch kennst. Er wird nächsten Herbst mit Virchow nach Berlin gehen, denkt da jedenfalls erster Assistent desselben, respective Prosector, || zu werden und sucht sich nun bei V. auf alle Weise beliebt und unentbehrlich zu machen. Natürlich gerathe ich dabei in eine gewisse Schiefheit der Stellung, die ohne eine solche Mittelsperson, die sich immer zwischen V. und mich zu drängen sucht, nicht stattfinden würde.

Eine andere Person, die mir das Leben möglichst sauer zu machen sucht, ist Herr Gerhardt, euer vormaliger Freund, welcher alles Gift und Galle, die er jetzt gegen euch im Herzen trägt, auf mich armes Schlachtopfer auszuleeren bemüht ist. Derselbe ist nämlich jetzt poliklinischer Assistent bei Prof. Rinecker und sucht mir als solcher alle poliklinischen Sektionen die ich von Rechtswegen zu machen habe, zu entziehen. Komme ich ja mal zu einer, so wird er in Wort und That so malitiös, daß ich in der That oft nicht weiß, wie ich mich dazu verhalten soll. Bis jetzt habe ich meist absolutes Stillschweigen beobachtet! Diese beiden ausgenommen, stehe ich mich sonst mit allen andern Personen, mit denen ich in Berührung komme, vortrefflich. Namentlich kann ich mit meinem dienstbaren Geistern sehr zufrieden sein. Auch die schwierige Stellung zu Virchow selbst, die mir anfangs wirklich sehr bedenklich erschien, fängt jetzt an sich recht gutzumachen, was wohl daran liegt, das er eines theils sich an meine Unarten etwas gewöhnt, ich aber andrerseits mir dieselben möglichst abzugewöhnen bemüht bin. Wie unangenehm ihm anfangs meine ganze unruhige, hastige, subjective, unklare Art und Weise, oder mein Strampel-Kopf (wie ich jetzt, in Parallele mit dem Rostocker Professor Strampel, vom Kleinen öfter tituliert werde) bei seiner außerordentlichen Ruhe, Klarheit, Gewißheit und Objektivität, berührt haben mag, wird mir jetzt erst klar, wo ich mir diese Irrlichternatur Stück für Stück abzugewöhnen mich bemühe. ||

Ein Hauptvortheil ist es für mich d, daß ich in der edlen Kunst der Selbstbeherrschung dabei wesentliche Fortschritte mache. Auch im Schweigen werde ich es mit der Zeit zu etwas bringen. Wenigstens habe ich mich bis jetzt, so oft ich mit V. ein Gespräch anfangen wollte, so glänzend blamirt, daß ich es jetzt für das Klügste halte, mir einen panchobucolischen Maulkorb anzulegen.

Andrerseits hat das Zusammensein mit einem so enormen Genie, wie V. natürlich eine Menge höchst interessanter Seiten, und namentlich durch die Beobachtung seiner Methode, seiner ganzen Art und Weise, sich zu geriren und zu arbeiten, lerne ich sehr viel. Auch eine Menge interessanter Leute, die V. besuchen, lerne ich dabei en passant kennen. So war neulich ein paar Tage ein Hospitaldirector Biffi aus Mailand hier durch Augen-Studien bekannt, der mir recht gut gefallen hat, obgleich unsere Conversation sich nur in lateinischer Sprache bewegte! Er bat mich um eine Empfehlung nach Berlin, und da habe ich ihm deine Adresse gegeben. Sei also so gut, und nimm dich seiner, wenn er hinkömmt, freundschaftlich an.

– Etwas Anderes, als menschliche Anatomie, normale und pathologische zu treiben, finde

ich natürlich jetzt gar keine Zeit. trotzdem ich von früh 6 bis abends 8 auf der Anatomie stecke, bringe ich doch die vorgenommenen Pensa in der Regel nicht fertig. Selbst für die Dissertation, zu der es doch endlich einmal hohe Zeit wird, kann ich nur wenig thun. Virchow hat mir als Thema dafür die Cysten an den Plexus choroidei gegeben, ein sehr schwieriges und wie mir scheint, undankbares Thema. Wenigstens habe ich bis jetzt die Augen mir ganz vergeblich ausgeguckt. Anfangs wollte ich die Dinger auch vergleichend bearbeiten, aber auch in dieser Beziehung scheinen sie sehr unfruchtbar zu sein. Nun, man muß sehen! || Könnte ich ganz meiner Neigung folgen, so würde ich natürlich ein zoologisches oder vergl. anat. Thema nehmen. Aber so bin ich doch gewissermaßen gezwungen, ein patholog. histolog. zu nehmen. Das wird mir dabei allerdings klar, daß es eine sehr faule Sache ist, sich ganz speciell mit Sachen abzugeben, die zwar auch sehr interessant sind, zu denen man aber doch nicht die ganze Lust und Liebe mitbringt. Wie glücklich bist Du doch in dieser Beziehung, der Du Dich ganz der erwählten, süßen Lieblingswissenschaft hingeben kannst, und das noch dazu unter den speciellen Auspicien unsers göttlichen, unvergleichlichen Johannes Mueller, der bei mir doch immer alle Sterne erster Größe überstrahlen wird. Sehr komisch ist es, und ich wollte Du könntest es einmal hören, wenn ich diese Herzenswünsche und Ansichten dem Kleinen vortrage und er mir dann mit einem Klagelied darüber antwortet, daß er jetzt gezwungen ist (O süßer Zwang!) sich mit Zoologie und vergleichd. Anat. zu beschäftigen, während ihn seine specielle Neigung zur patholog. Anat. und Physiol. hintreibt.

Gewöhnlich schließen wir dann mit dem Wunsch, gegenseitig unsere Rollen und Stellungen austauschen zu können. Hat Dir denn der Kleine von seinem Colleg schon geschrieben? Ich befinde mich auch unter seinen 7 Zuhörern und das Ding macht mir aus mehrern Gründen begreiflicherweise vielen Spaß. Daß er ganz allerliebst vorträgt, kannst Du Dir denken.

Schon nach den ersten 3 Tagen handelte er die Sache mit einer Gewandheit und Sicherheit ab als hätte ers Jahre lang getrieben. Er wird gewiß als Docent einmal großes Glück machen. Der kleine Beckmann ist doch wirklich in jeder Beziehung ein gar zu prächtiger Kerl und ich muß gestehen, daß ich ihn in den meisten Beziehungen über alle meine andern Bekannten, selbst dich, mein lieber Blasius, nicht ausgenommen, stellen muß. || Je länger und näher ich ihn kennen lerne, desto lieber wird er mir. Wir sind jetzt übrigens täglich sehr viel zusammen. Morgens besuchen wir uns gewöhnlich gegenseitig in unsern Geschäftslocalen. Mittags essen wir zusammen im Ochsen, dann gehen wir nach Smolensk oder Göbels Lese Kaffee simpeln und Abends sind wir gewöhnlich auch noch ein Stündchen zusammen. Bisher leistete uns auch der alte gute Boner dabei Gesellschaft, welcher aber nach glücklich vollendeter Dissertation „de stasi quaedam experimenta“ nächster Tage abreisen wird. Oft begleitet uns auch unser dritter Tischgast, Eckardt, Sohn eines Berliner Arztes, ein urfideles, höchst gemüthliches und lustiges Haus, voll toller Einfälle, welcher bis dato in Göttingen war. Die andern Elemente unserer Geselligkeit, nämlich die Herren Mitscherlich, Paetsch und Grohé, welche Anfangs die Gnade hatten, uns sehr herablassend mit ihrer noblen Gesellschaft beglücken zu wollen, und auch mit uns zu Tische aßen, haben sich zum Glück so, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, als „fremde Körper“ auf natürlichem Wege secernirt oder auch sequestirt, je nachdem du willst. Gott sei Dank sind wir noch viel zu wenig blasirt, um diesen feinen Leutchen, von denen namentlich die beiden ersten uns stark nach sogenannten „feinen Berlinern“ schmecken, und auch der dritte alle Anlage dazu hat, einiges Interesse darbieten zu können; und glücklicher weise finden wir in unsern wissenschaftlichen und sonstigen Naturstudien auch Stoff genug, um nicht zu den hohlen Seifenblasen, welche jene Herren als „feinen Ton und guten Geschmack“ zu bezeichnen belieben, recuriren zu müssen. ||

Obgleich ich nicht weiß, ob alle correspondirenden Mitglieder des „Berliner Centralbureaus für freundschaftliche Nachrichten“ damit übereinstimmen, daß ich mich auch als zugehörig zu bezeichnen und auf seine Mittheilungen Anspruch zu machen dürfen glaube, so nehme ich mir doch den Muth, diese Zeilen nicht bloß an Dich als meinen speciellen Freund, sondern auch als Director obgenannten Bureaus zu richten und doch zu bitten, mir bald einmal sowohl von dir selbst genauer Nachricht zukommen zu lassen, als auch über unsre alten Freunde Einiges mitzutheilen. Von Peter ist gestern ein Brief angekommen. Er wird noch einige Zeit in Holstein versimpeln und hat diesen Sommer schon so ziemlich aufgegeben. Auch Herr Buchheister hat vorgestern an den Kleinen, den er fälschlich für den Director des Centralbureaus hält, einen 2 Bogen langen Brief geschrieben. Er ist practischer Arzt und Philister in Hamburg. –

Der Heinrich, das ist Boner, mit dem wir die letzte Zeit äußerst gemüthlich verlebt haben, e hat neuerlichst einen Ruf als practischer Arzt nach Splügen (dem Paßort ober Chiavenna, im südöstlichen (romanischen) Winkel der Schweiz) erhalten, den er wahrscheinlich annehmen wird.

– Von Virchows Nachfolger hört man hier noch Nichts Gewisses. Doch scheinen Dr. Friedreich und Heinrich Mueller die meisten Aussichten zu haben. Die österreichische Parthei will dagegen einen Wiener oder Prager herziehen. Mag nun kommen wer will, so ist die Kunst Würzburgs mit V. Weggang jedenfalls im Kern gebrochen. Kölliker selbst zieht doch allein zu wenig und Linhart als Chirurg macht sich bis jetzt noch nicht besonders, so daß die Clinik nichts Besonderes leistet. || Ich selbst besuche übrigens keine Klinik. Außer der kleinen Zoologie besuche ich nur noch den chirurgischen Operationscursus der beiden Staberles, wo ich meine lezten, nämlich die chirurgischen Anthipathien gegen den practischen Arzt, überwinden lerne. Ich habe mich mit dem Gedanken, nun doch schließlich, wenn alle zoologischen Stricke und Reisepläne reißen, Medio. practic. zu werden, vollkommen vertraut gemacht, und werde also vermuthlich, wenn Nichts Besseres dazwischen kommt, als Schiffsarzt in holländ. Diensten nach Ostindien gehen (alte fixe Idee!)! Ich wollte nur, du könntest einmal sehen, mit welcher Eleganz ich schon Zähne ausziehe, Unterkiefer reserviere, Schenkel exarticulire (natürlich nur am Cadaver!) etc.etc. –

Daß wir Virchow eine feierliche Ovation mit einem Ehrengeschenk (silbernen Pokal) und womöglich auch noch Fackelzug oder Gartenfest, darzubringen gedenken (wobei sich übrigens sämmtliche Corps, Herrn Gerhardt und Spitze, ausgeschlossen haben!) hast du wohl schon gehört. In der Vorversammlung ging es natürlich wie gewöhnlich sehr toll her. Die Herren Grohé und Paetsch, welche sich an die Spitze des provisorischen Comités gestellt hatten, sind zu ihrem größten Ärger nicht gewählt worden, und ich rechne es mir als besonderes Verdienst an bei der Wahl des definitiven Comités, wobei es äußerst stürmisch zuging und mehr als 10 f Candidaten durchfielen, die Wahl des Kleinen und des Herrn Kottmeyer (eines sehr netten Bremensers) durchgesetzt zu haben. Außerdem wurden Herr Tilemann, Dekert und Ernst Schmidt gewählt (der älteste von den vier Assistenten Schmidt, die wir hier jetzt haben, 2 bei Scanzoni, 2 bei Bamberger.

− Meine beifolgende Photographie bitte ich Dich an die beiden Heins mitzutheilen und sie herzlich zu grüßen, so auch Claparéde und la Valette ebenfalls. Was machen die denn?

Was machen Passows? Grüße sie herzlichst von mir, so wie auch dich selbst.

Dein alter Haeckelg

Daß Wilhelm Passow uns zu Pfingsten durch eine Spritze aus Prag sehr erfreut hat, hast du wohl schon gehört durch meinen Alten. Es war ganz allerliebst und wir sehr vergnügt.h

a gestr.: dies halb; b gestr.: bischen; c gestr.: für; d gestr.: dabei; e gestr.: ist; f gestr.: Mann; g Text weiter am linken Seitenrand: Was machen … alter Haeckel; h Text weiter am linken Rand von S. 7: Daß Wilhelm … sehr vergnügt.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-06-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 31888
ID
31888