Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Käthe Besser, Jena, 20. November 1905

Jena 20.11.1905.

Liebe und hochverehrte Freundin!

Ihr letzter lieber Brief erregte mein inniges Mitgefühl durch die betrübenden Nachrichten von Ihrem und Ihres lieben Mannes Befinden. Mein Mitleid ist um so stärker, als ich selbst mich seit zwei Monaten recht miserabel befinde. Die Bade-Kur in Baden-Baden (– mit allzu energischer Anwendung von Dampfbädern und schwedischer Gymnastik –) ist diesmal ganz fehlgeschlagen. Ich verlor Kräfte und Appetit, sowie ruhigen Schlaf. Dazu kam noch eine starke Erkältung (am 9.9.) und ein sehr unangenehmer Blasen-Catarrh, in Folge einer Flasche eiskalten und verdorbenen Bieres. ||

So mußte ich denn am 18.9 (– statt Ihnen in Bonn einen Besuch abzustatten, wie ich gehofft hatte) – direct nach Hause fahren und mich zu einer langwierigen Kur entschließen. October habe ich größtenteils im Bett zugebracht und die Vorlesungen für das Winter-Semester (mein 90stes in Jena) ganz aufgeben müssen. Glücklicherweise hat sich meine Frau (– seitdem die unglückliche jüngere Tochter wieder in der Anstalt Tannenfeld ist –) neuerdings sehr erholt und ist wohler als seit vielen Jahren; sie pflegt mich treulich, wir leben in absoluter Stille. ||

Seit einer Woche bin ich wieder etwas besser; die Kräfte sind aber noch sehr mäßig, ebenso Schlaf. Der Blasen-Catarrh (– ein mir bisher unbekanntes Leiden, dessen Beschwerden ich Ihrem lieben Manne jetzt lebhaft nachfühle! –) hat sich bedeutend gemildert. Ich werde aber mindestens bis Neujahr im Hause bleiben müssen. Tröstlich ist mir jetzt der Gedanke, daß ich mit meinen wissenschaftl. Arbeiten im Wesentlichen abgeschlossen habe und trotz aller heftigen Angriffe (– oder auch wegen derselben! –) weite Kreise zum Nachdenken angeregt habe.

Neue Arbeiten nehme ich nicht mehr vor. || Nach den colossalen Arbeiten und Kämpfen der letzten Decennien kommt mir die erzwungene Ruhe freilich seltsam vor; aber ich fühle deutlich, daß sie allein mich eventuell noch einmal in die Höhe bringen kann. Ich lese viel (– wozu ich seit Jahren keine Muße hatte –) und in den langen stillen Nachtstunden, in denen ich nicht schlafen kann, recapitulire ich mein buntes vielbewegtes Leben. Dabei gedenke ich dankbarst der schönen Stunden, die ich August 1898 in Ihrem lieben Hause verlebte (und Ihres herrlichen Lieder Gesanges!).

Mit herzlichsten Wünschen für baldige und gründliche Besserung im Befinden „Beider Besser“!

Ihr treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-11-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 31820
ID
31820