Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Käthe Besser, Jena, 17. Dezember 1905

Jena 17.12.1905.

Hochverehrte und liebe Freundin!

Tausend Dank für Ihre beiden lieben Briefe und die rührende Fürsorge für meinen invaliden Organismus! Ihre Salol-Therapie wollte ich sofort nach Empfang Ihrer Vorschrift beginnen; aber mein alter Hausarzt (der wegen meiner entsetzlich lebhaften Reactions- und Sensibilitäts-Specialität sehr ängstlich ist!) untersagte es, weil gerade in diesen Tagen mein Herz sehr rebellisch war und beide Sprunggelenke rheumatisch geschwollen – wohingegen der lästige Blasen Catarrh, nach wiederholten Urotropin-Dosen (à 0,5, täglich 3 mal) sich auffallend gebessert hatte. ||

Sobald aber der letztere sich wieder verschlimmert, wollen wir die Salol-Kur versuchen.

Ich stecke nun schon 3 Monate im Zimmer, bin aber doch jetzt täglich 8 Stunden außer Bett. Mit dem schönen Begriffe „Resignation“ habe ich mich allmählich ausgesöhnt; ich verlange auch Nichts mehr vom Leben! Meine wissenschaftlichen Lebensziele habe ich in der Hauptsache erreicht, und hatte kürzlich die Freude, in der beifolgenden Abhandlung von O. Gramzow auch meine philosophischen Bemühungen von einem „Fach“Philosophen – zum ersten Male! – anerkannt zu sehen (vergl. S. 480, 497, 530). Gramzow ist Docent in Berlin, ich kenne ich nicht. ||

Meine letzte Arbeit (– Sport! –) waren die 24 „Wanderbilder“, die Köhler (Gera) jetzt in Farbendruck erscheinen läßt; beifolgend eine Probe. Gern hätt ich Ihnen alle Bilder geschickt; aber meine Exemplare reichen nicht aus. Dafür dedicire ich Ihnen das kleine, so eben erschienene Lebensbild von mir, das ein früherer Schüler, (Carl Neumann in Kiel) verfaßt hat.

Daß Ihrem lieben Manne die Salol-Kur so vorzüglich bekommen ist, freut mich sehr; nicht minder, daß er immer noch wacker schreibt (– wozu ich den Mut verloren habe!). Um so mehr betrübt es mich, zu hören, daß Sie selbst mit Ihrer Gesundheit so unzufrieden sind! Wie gern möchte ich Ihnen helfen! || Auf Ihre „Briefe die ihn nicht erreichten“ bin ich sehr gespannt! Von der Zusendung des Manuskriptes möchte ich Sie aber doch bitten abzusehen – nicht allein weil ich in der beiliegenden „Erklärung“ vom 25.4.05 principiell alle Manuscript-Durchsicht und Empfehlung abgelehnt habe, sondern weil ich in schöner Literatur mir gar kein Urteil mehr zutraue. An Paetel speciell würde meine eventuelle Empfehlung Nichts helfen, da er seit mehreren Jahren in das Lager meiner Gegner übergegangen ist und Reinke vor Allen protegirt!

Mit herzlichsten Grüßen und besten Weihnachtswünschen für Sie und Ihren lieben Mann

Ihr herzlich ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-12-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 31819
ID
31819