Conrad Keller an Ernst Haeckel, Zürich, 2. Oktober 1876

Zürich, dℓ. 2. Oct. 76.

Hochverehrter Herr Professor!

Sie hatten die zu große Freundlichkeit, vor Ihrer Abreise die Arbeit von Barrois gleich zuzusenden, wofür ich Ihnen herzlichst danke. Diese neue Arbeit enthält sehr viele Beobachtungen, leider aber wird dadurch die Spongienfrage nicht aufgeklärter, sondern nur um so verwickelter. Barrois hat es fertig gebracht, so gut es überhaupt angeht, die widersprechendsten Ansichten möglichst zu vereinbaren, aber ich kann mich mit seinem Modus der Spongienentwicklung nicht einverstanden erklären, wenn ich auch an der guten Absicht des französischen Forschers nicht zweifle. Er ist übrigens in der Litteratur u. namentlich auch in der deutschen, sehr bewandert. || Mein Manuscript ist bereits unter der Presse u. die Tafeln in der Ausführung begriffen.

Ihre Reise nach Schottland ist, wie ich hoffe, recht glücklich u. genußvoll verlaufen u. darf die wissenschaftliche Welt wohl bald wieder eine Überraschung erwarten.

Wie ich von Herrn Dr. Vetter vernommen, gehen die beiden Brüder Hertwig für nächsten Winter nach dem Süden. Allerdings in hohem Grade beneidenswerth!

Ich hoffe im Frühjahr auch wieder Meer zu sehen. Ich glaube [!] es für angezeigt, so bald es die Verhältnisse gestatten, ein Semester Urlaub zu nehmen, um ausschließlich am Meere zu arbeiten, denn ich habe allerdings rasch und glücklich es in Zürich zu einer gesicherten Lehrthätigkeit gebracht, aber ich möchte doch mehr Zeit zu eigenem Arbeiten.

Dies ist jetzt umso mehr erleichtert, als || unsere Behörden der Zoologie entschieden eine lebhaftere Theilnahme zuwenden wollen, als es bisher geschah. Einmal davon überzeugt, daß bei uns nach dieser Richtung Manches faul sei, werden wir zunächst wohl 2 Plätze an der Station in Neapel erhalten.

Es geht mit den Behörden nicht immer sehr schnell – aber es geht.

Schließlich thut es mir echt leid, daß ich Sie während meiner Arbeit so oft habe in Anspruch nehmen müssen u. danke ich Ihnen nochmals bestens für Ihre großen Gefälligkeiten.

Mit den freundlichsten Grüßen verbleibe ich

Ihr hochachtungsvoll

Ergebenster

C. Keller

Brief Metadaten

ID
31267
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Schweiz
Entstehungsland zeitgenössisch
Schweiz
Datierung
02.10.1876
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
3
Umfang Blätter
2
Format
13,2 x 21,1 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 31267
Zitiervorlage
Keller, Conrad an Haeckel, Ernst; Zürich; 02.10.1876; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_31267